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Die Kuppel des Himmels: Historischer Roman (German Edition)

Die Kuppel des Himmels: Historischer Roman (German Edition)

Titel: Die Kuppel des Himmels: Historischer Roman (German Edition) Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Sebastian Fleming
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reden. Er soll sich keinen Verdächtigungen aussetzen, das schadet der Würde des Priesters. Wenn dein Diener wieder einen dieser Kerle trifft, soll er ihn in der Engelsburg abliefern, damit er seiner gerechten Bestrafung zugeführt wird.«
    Nach der wie immer sehr überschaubaren Mahlzeit hatte der Papst Bramante ermahnt, zuerst den Westchor zu errichten, in dem das Grabmal aufgestellt werden sollte. Mit dem Papst zu streiten war ein aussichtsloses Unterfangen, deshalb hatte Bramante zum Abschied nur genickt.

31

    Rom, Anno Domini 1505, im November
    In seinen Mantel gehüllt, verließ er den Vatikanpalast. Ascanio, der draußen auf Bramante gewartet hatte, bemerkte sofort die trübe Stimmung seines Herrn und schloss sich ihm wortlos an. Obwohl es November war und Dunkelheit sich auf die Ewige Stadt gesenkt hatte, wehte ein warmer Wind. In den unbeheizten Gebäuden war es durch die Feuchtigkeit inzwischen kälter als draußen. Bramante genoss die Wärme. Als würde er von einem Menschen, den er liebte, angehaucht. Mitten auf der Engelsbrücke traf ihn die Sehnsucht wie ein Blitz. Imperia fehlte ihm. Er wunderte sich über sich selbst, denn das Verlangen war nicht sexueller Natur. Ihre Stimme, ihr Lachen, ihren Anblick vermisste er. Eine tiefe Traurigkeit überfiel ihn, denn er konnte nicht zu ihr gehen. Das war Teil der Vereinbarung. Er hatte seine Liebe geopfert, damit der mächtige Chigi ihm half, sein erträumtes Bauwerk zu errichten. Warum nur war ihm das so viel wert? Ganz einfach, weil sein ganzes Leben auf diesen Auftrag zulief.
    Er dachte kurz daran, ein Bordell aufzusuchen oder einen Freund zu besuchen. Dann rang er sich dazu durch, nach Hause zu gehen. In der Gesellschaft von Menschen würde er sich nur noch einsamer fühlen, weil Imperia nicht unter ihnen war. Er beschied Ascanio, sich schlafen zu legen, denn er hatte nicht die Absicht, noch einmal auszugehen.
    In seinem Schlafzimmer zündete Bramante ein paar Kerzen auf einem Leuchter an und stellte ihn neben sein Bett. Er zog die Stiefel aus, seinen langen schwarzen Mantel, die schwarze Überhose, die Strumpfhose. Nur bekleidet mit seinem weißen Hemd, das ihm bis zu den Kniekehlen reichte, stand er da und schaute melancholisch auf sein Bett. Die Erinnerung daran, was Imperia und er dort getan und besprochen hatten, zauberte für einen kurzen Moment ein genüssliches Lächeln auf seine Lippen. Ihm war, als höre er ihr Lachen, ihren Spott, ihre Stimme, wie sie ihm Zärtlichkeiten ins Ohr flüsterte. Dann sah er ihre kleinen, aber kräftigen Hände vor sich, die seine Männlichkeit umfasst hielten, und ihre festen Brüste. Mehrmals rieb er sich mit den Handflächen über das Gesicht, als wolle er die Bilder abwaschen. Dann griff er nach dem Leuchter und stieg in seine Werkstatt hinab.
    Auf dem Arbeitstisch lag der Entwurf des neuen Petersdoms, an dem Antonio da Sangallo tagsüber arbeitete. Daneben fand sich seine flüchtige Skizze, die er während der Audienz auf die Rückseite von Sangallos Plan gezeichnet hatte, den Antonio ins Reine übertrug und ausarbeitete. War es das wirklich wert, dieser Idee die Liebe zu opfern? Über sich selbst verwundert nahm er eine Bibel aus einem kleinen Regal an der rückwärtigen Wand. Es war eine Übersetzung der Heiligen Schrift ins Italienische. Bramante besaß nicht eben viele Bücher, und einige hielt er unter Verschluss. Er wusste, warum.
    Er nahm die Bibel und den Leuchter mit hinauf in sein Schlafzimmer, schob die Kissen zurecht und setzte sich ins Bett. Dann schlug er im Alten Testament die Seite mit dem Hohelied Salomos auf. Er hatte es nie gelesen. Er erinnerte sich lediglich daran, dass so unterschiedliche Männer wie Leonardo, Pico, Ficino oder Poliziano von diesem Buch des Buchs der Bücher geschwärmt hatten – allerdings auch der schwarze Mönch. Unstrittig war nur, dass es in diesem Text um die Liebe ging, und dann begann schon der Zwist: Die einen meinten, es spräche über die Liebe des Menschen zu Gott, die anderen sahen in ihm Gott und die Kirche dargestellt, wieder andere Kirche und Mensch. Manche aber schoben all die Spekulationen beiseite und behaupteten kühn, das Hohelied handele von der Liebe eines Mannes und einer Frau.
    Bramante las und las bis zum Morgengrauen und mochte und konnte nicht mehr aufhören. Die Worte überfielen ihn wie Räuber, die es auf seine Sinne abgesehen hatten. Zweimal musste er neue Kerzen entzünden. Aber das störte ihn nicht, er spürte keine Müdigkeit, das Herz

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