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Die Kuppel des Himmels: Historischer Roman (German Edition)

Die Kuppel des Himmels: Historischer Roman (German Edition)

Titel: Die Kuppel des Himmels: Historischer Roman (German Edition) Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Sebastian Fleming
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Julius II. hielt sich mit seiner Meinung zurück und forderte den Erzpriester auf, sich zu äußern.
    »Das ist Häresie!« Giacomo geriet außer sich vor Empörung. »Seht Euch vor, Sangallo, Ihr wollt im Herzen der Christenheit einen heidnischen Tempel errichten!« Er warf sich dem Papst zu Füßen und fuhr nahezu beschwörerisch fort: »Eure Heiligkeit, wenn es Euer Wille ist, dass unsere gute alte, von Konstantin errichtete und vom heiligen Papst Sylvester geweihte Basilika geschleift und an ihrer Stelle als ein Zeichen des Sieges des Heidentums über das Christentum ein Tempel errichtet wird, so will und kann ich dem nicht widersprechen. Aber dann entbindet mich von meinen Aufgaben und schickt mich weit fort, ins Morgenland zur Mission oder zu den Pest- und Cholerakranken, um sie zu heilen. Lieber will ich im Dienste Christi sterben als Zeuge dieses Frevels werden!«
    Da der Kardinal nicht als Schwätzer galt, verschlug dieser Gefühlsausbruch allen im Saal die Sprache. Betretenes Schweigen breitete sich aus. Der Papst reichte Giacomo die Hand und half ihm, sich wieder zu erheben.
    »Giulianos Vorschlag ist zwar sehr interessant, aber er schießt leider über das Ziel hinaus. Wir wollen einen würdigen Platz für Unser Grabmal, und Wir wollen ihn bald. Die Idee von Frà Giocondo, Alt Sankt Peter zu umbauen, scheint Uns gut zu sein, aber der Entwurf überzeugt Uns in architektonischer Hinsicht nicht. Du kennst deine Aufgabe, ehrenwerter Donato?«
    »Gewiss, Heiliger Vater«, sagte Bramante, der nur mühsam ein triumphierendes Lächeln verbarg, und verneigte sich.
    Dann griff er nach dem Plan, der auf dem Tisch lag, und holte aus seinem schwarzen Mantel eine kleine Holzkiste mit Bleistiften hervor. Er hielt den Entwurf umgekehrt gegen das Licht und pauste die Vierungsarme durch. Anschließend legte er die Skizze mit der Vorderseite auf den Tischrücken. Alle sahen ihm verblüfft zu. Wenn ihn jetzt bloß nicht die Handgicht packen würde, betete er inständig. Er spürte zwar einen Schmerz in der rechten Hand, über die er, wie in letzter Zeit so häufig, einen Handschuh aus weißem Ziegenleder gestreift hatte, doch er biss die Zähne zusammen und skizzierte tapfer weiter. Mit schnellen Strichen verband er die Vierungspfeiler zu einem Quadrat, zur perfekten Vierung, dann umgab er sie mit mächtigen Bögen, mit drei Chorumgängen, die er gen Osten zum Langhaus hin öffnete.
    »Majestät und Würde«, sagte er schließlich. »Hier das Grab Petri, über dem sich die Kuppel des Himmels erhebt. Als Ziel, als Mittelpunkt der Welt, als heilige Majestät, dem sich die Menschen durch die würdevolle Basilika nähern.«
    Der Papst nickte wohlwollend, dem Dominikaner war das Staunen regelrecht anzusehen, und Sangallo grinste vergnügt wie ein Schuljunge. Der Architekt genoss seinen Triumph, bis zu dem Augenblick, als auch Michelangelo seine Idee lobte. Das machte ihn misstrauisch. Er brauchte nicht lange zu warten, bis der Pferdefuß des Lobes deutlich wurde. Der Bildhauer bat nämlich darum, an den Planungsarbeiten des Architekten teilnehmen zu dürfen. Nicht dass der große Bramante seiner Hilfe bedürfe, führte Michelangelo aus, doch er könne ihn vielleicht dabei unterstützen, den Standort des Grabmals für den Heiligen Vater in die Planung einzubeziehen.
    Bramante war davon ausgegangen, dass Michelangelo durch den Neubau aus dem Rennen war. Nun aber zeigte sich, dass dieser über den Umweg des Grabmals auf die Planung von Neu Sankt Peter Einfluss zu nehmen versuchte. Er, Donato Bramante, erster Baumeister des Papstes, sollte sich einen Bildhauer vorsetzen lassen, schlimmer noch, zum Diener und Ausführungsgehilfen dieses dreisten Florentiners werden? Das konnte er nicht hinnehmen. Zähneknirschend überlegte er, was er dagegen einwenden könnte, als der Papst wieder das Wort ergriff.
    »So soll es sein!«, entschied Julius II. »Donato, erneure den Dom. Michelangelo wird in die Planung einbezogen, denn er weiß am besten, welchen Platz mein Grabmal benötigt. Spute dich, mein teurer Donato, Ostern nächsten Jahres will ich den Grundstein legen!«
    Einige Wochen später kehrte Bramante unter dem Schutz Ascanios spät in der Nacht verdrossen von einem Gastmahl bei Agostino Chigi heim. Er hatte die Einladung nur angenommen, um den Bankier nicht zu verärgern – und um Imperia zu sehen. Unter den misstrauischen Blicken Chigis hatte er jedoch gerade mal zwei Worte mit ihr wechseln können. Bramante fluchte. Sie fehlte ihm

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