Die Liebe in den Zeiten der Cholera
daran, daß der Autor des Sonetts tatsächlich der war, der es zu sein behauptete, und rechtfertigte dies von vornherein mit der Überschrift: Jeder Chinese ist ein Dichter. Die Urheber der Verschwörung, wenn es eine solche gegeben hatte, verfaulten mit dem Geheimnis in ihren Gräbern. Der mit dem Preis ausgezeichnete Chinese starb, ohne etwas zugegeben zu haben, in einem orientalischen Alter und wurde mit der Orchidee und seiner Bitterkeit begraben, das einzige, was er sich im Leben ersehnt hatte, nicht erreicht zu haben, nämlich die Anerkennung als Dichter. Anläßlich seines Todes erinnerte die Presse an den vergessenen Vorfall, das Sonett wurde mit einer Jugendstilvignette, auf der schwellende Jungfrauen mit goldenen Füllhörnern zu sehen waren, abgedruckt, und die Schutzgötter der Poesie nützten die Gelegenheit, die Dinge ins Lot zu rücken: Die neue Generation fand das Sonett so schlecht, daß keiner mehr daran zweifelte, daß der verstorbene Chinese es tatsächlich verfaßt hatte. Für Florentino Ariza verband sich jener Skandal stets mit der Erinnerung an eine füllige Unbekannte, die damals neben ihm gesessen hatte. Er hatte sie zu Beginn der Veranstaltung bemerkt, sie dann aber in der Angst der Erwartung vergessen. Aufgefallen war ihm ihre perlmuttweiße Haut, dieser Duft einer glücklichen Dicken und das massige Brustfleisch einer Sopransängerin, das von einer künstlichen Magnolie gekrönt war. Sie hatte ein sehr enges Kleid aus schwarzem Samt angezogen, schwarz wie ihre sehnsüchtigen, warmen Augen und schwärzer noch war ihr Haar, das im Nacken von einem Zigeunerkamm zusammengehalten wurde. Sie trug schwere Ohrgehänge, eine Kette im gleichen Stil und an mehreren Fingern ebensolche Ringe, alle mit funkelnden Steinen besetzt, und hatte auf der rechten Wange ein Muttermal aufgemalt. Im Trubel des Schlußapplauses sah sie Florentino Ariza ehrlich betrübt an.
»Glauben Sie mir, es tut mir von Herzen leid«, sagte sie zu ihm.
Florentino Ariza erschrak, nicht wegen des Beileids, das er tatsächlich verdiente, sondern vor Staunen, weil jemand sein Geheimnis kannte. Sie erklärte es ihm: »Ich habe es gemerkt, als die Umschläge geöffnet wurden, da begann die Blume an Ihrem Revers zu zittern.« Sie zeigte ihm die Plüschmagnolie, die sie in der Hand hielt, und öffnete ihm ihr Herz: »Deshalb habe ich meine abgenommen«, sagte sie. Sie war ob der Niederlage den Tränen nah, doch Florentino Ariza, mit dem Spürsinn des nächtlichen Jägers, munterte sie auf.
»Lassen Sie uns irgendwohin gehen, wo wir zusammen weinen können«, schlug er ihr vor.
Er begleitete sie nach Hause. Vor der Tür und angesichts der Tatsache, daß es schon fast Mitternacht war und niemand mehr auf der Straße, überredete er sie dazu, ihn zu einem Brandy einzuladen, damit sie sich gemeinsam die Alben mit den Zeitungsausschnitten und Fotos von öffentlichen Ereignissen aus mehr als zehn Jahren ansehen konnten, die sie angeblich besaß. Der Trick war schon damals alt, diesmal jedoch nicht absichtlich eingesetzt, denn sie selbst hatte auf dem Rückweg vom Nationaltheater ihre Alben erwähnt. Sie traten in die Wohnung. Als erstes bemerkte Florentino Ariza vom Salon aus, daß die Tür zum einzigen Schlafzimmer offenstand und den Blick auf ein breites, prachtvolles Bett mit einer Brokatüberdecke und mit Bronzeblattwerk verziertem Kopf- und Fußende freigab. Diese Aussicht verwirrte ihn. Sie mußte es bemerkt haben, denn sie ging durch den Salon und schloß die Schlafzimmertür. Dann bat sie ihn auf ein Kanapee aus geblümtem Kretonne, wo eine Katze schlief, und legte auf den davorstehenden Tisch ihre gesammelten Alben. Florentino Ariza begann, ohne Hast darin zu blättern, und dachte dabei weniger an das, was er sah, als an die Schritte, die vor ihm lagen, und als er plötzlich den Blick hob, bemerkte er, daß sich ihre Augen mit Tränen gefüllt hatten. Er gab ihr den guten Rat, so viel zu weinen, wie sie wolle, ohne Scheu, denn nichts erleichtere so sehr wie das Weinen, legte ihr jedoch nahe, dafür das Mieder zu lockern. Und beeilte sich dann, ihr zu helfen, da das Korsett mit einer langen Naht über Kreuz laufender Bänder auf dem Rücken zusammengehalten wurde. Er mußte diese Arbeit nicht zu Ende führen, da das Korsett sich schließlich durch den inneren Druck allein löste, worauf das galaktische Busenwerk nach Belieben atmen konnte.
Florentino Ariza, der selbst bei weniger komplizierten Gelegenheiten stets von der Angst
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