Die Löwin
war nämlich schwer erkrankt – aus Gram um den Tod seines ältesten Sohnes und aus Sorge, was aus seiner Stadt werden würde, wenn sein jüngerer Sohn Gherardo Leonardo an seine Stelle trat. Zudem traten die Mailänder, die sich in der Stadt befanden, nun so auf, als wären sie bereits die Herren von Pisa.
Angelo Maria Visconti, der Vertreter Herzog Gian Galeazzos, hatte sich schon als neuer Capitano del Popolo dieser bedeutenden Stadt gesehen. Doch nach dem Fehlschlag des von ihm protegierten Ugolino Malatesta vor Rividello bekam er es mit der Angst zu tun, sein erlauchter Verwandter würde einen anderen Mann mit der Herrschaft über Pisa betrauen, sobald das Banner mit dem Schlangenwappen der Visconti über den Zinnen der Stadtburg wehte. Noch wurde die Festung von Appianos Garde gehalten, und es mochte sein, dass Messer Iacopo selbst oder sein Sohn Gherardo Leonardo lieber Florenz zu Hilfe rufen würden, als die Herrschaft an Mailand zu verlieren.
Immer wieder ging Angelo Maria Visconti im Geist die Mailänder Truppenpräsenz in Pisa durch und stellte jedes Mal mit einem Anflug von Angst fest, dass sie einem beherzten Angriff der Stadtmilizen nicht würde standhalten können. Sein Verwandter, der Herzog, drängte schon seit längerem darauf, weitere Soldaten in Pisa zu stationieren, doch Iacopo Appiano hatte sich bisher erfolgreich gegen diese Forderungen gestemmt. Da der Stadtherr nun krank daniederlag, glaubte Angelo Maria Visconti, ihm weitere Zugeständnisse abringen zu können. Mit diesem Gedanken betrat er Appianos Palast und befahl dem auf ihn zueilenden Haushofmeister, ihn bei seinem Herrn zu melden.
Der Mann, der wie alle in Appianos Haushalt düster gekleidet war, wand sich. »Verzeiht, Messer Angelo Maria, doch mein Herr liegt den Worten der Ärzte zufolge auf den Tod danieder. Es wäre besser, wenn Ihr zu einer glücklicheren Stunde kommen würdet.«
Visconti versetzte ihm einen Schlag mit der flachen Hand. »Ich bin nicht gekommen, um mich wie ein Knecht fortweisen zu lassen. Du wirst mich zu Messer Iacopo führen oder du bekommst meinen Zorn zu spüren!«
Die sechs Leibwächter, die Messer Angelo Maria begleiteten, legten die Hände auf ihre Schwertgriffe, um der Forderung Nachruck zu verleihen. Der Majordomo hätte jetzt die eigenen Wachen rufen können, aber er durfte keinen offenen Konflikt mit Mailand provozieren. Daher verneigte er sich steif und zwang seinem Gesicht eine ausdruckslose Miene auf. »Ich werde fragen, ob Messer Iacopo Euch empfangen kann.«
»Er wird mich empfangen!« Angelo Maria Visconti ließ dem Haushofmeister gerade so viel Zeit, wie er für schicklich hielt, ihn anzumelden, und eilte dann auf den Korridor zu, in dem Appianos Privatgemächer lagen. Seine Garde folgte ihm auf dem Fuß und erstickte von vorneherein jeden Versuch der Hausbewohner, ihn aufhalten zu wollen.
Iacopo Appiano wirkte ausgezehrt und glich in dem übergroßen Bett einem kleinen Kind. Sein Kopf versank fast ganz in einem voluminösen Kissen und seine rechte Hand krampfte sich wie im Schmerz in das Laken. Eine Verwandte, die neben seinem Bett stand, tupfte ihm den Schweiß mit einem Tuch ab. Als Angelo Maria Visconti ungebeten eintrat, fauchte sie ihn zornig an. »Wie könnt Ihr es wagen, meinen Onkel zu stören?«
»Lass uns allein, Weib!« Visconti wies mit einer schroffen Geste auf die Tür. Da die Frau nicht schnell genug gehorchte, gab er seinen Begleitern einen Wink. Zwei setzten sich drohend in Bewegung, doch bevor sie Appianos Pflegerin erreichten, wich diese mit einem Aufschrei vor ihnen zurück und verließ den Raum durch eine Nebentür. Einer von Viscontis Garden schloss hinter ihr ab und stellte sich demonstrativ vor diesen Eingang. Zwei andere scheuchten den Majordomo hinaus und nahmen vor der Hauptpforte Aufstellung.
»Ich hoffe, Ihr befindet Euch wohl, Messer Iacopo«, begann Angelo Maria Visconti in einem Tonfall, der genau das Gegenteil verriet. Statt einer Antwort hustete der Kranke trocken und musterte ihn mit verschleierten Blicken.
»Das Alter macht sich bemerkbar, Signore Angelo Maria.« Appianos Stimme klang so schwach, dass Visconti sich nicht einmal darüber ärgerte, dass der Kranke ihm die ehrenvollere Anrede Messer verweigerte.
»Ihr seid wahrlich nicht mehr jung, sondern habt, wie ich glaube, bereits das dreiundsiebzigste Jahr erreicht.« Der Mailänder gab sich nicht einmal den Anschein von Mitgefühl.
»Fünfundsiebzig, mein Guter. Ich bin fünfundsiebzig Jahre
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