Die Nanokriege - Die Sturmflut
Knochen und auch alle anderen in ihrem Körper waren ein hohles Wabengeflecht aus modernsten Nanofasern, und ihre Haut war mit einem feinen Flaum bedeckt, der zugleich aerodynamisch und warm war. Sie war beinahe zweieinhalb Meter groß, und ihre volle Flügelspanne betrug siebeneinhalb Meter. Mit ihren enormen »Brüsten«, ihrem Engelsgesicht, den langen mit weichem Flaum bedeckten Beinen und ihrem herrlichen Körper war sie bei jenen Männern ungemein beliebt, die über das Geld verfügten, um es für wahrhaft Exotisches auszugeben. Aber Martin hatte ihre Flugfähigkeit gelockt und dazu veranlasst, Joels Geld mit beiden Händen auszugeben, um sie zu kaufen. Schließlich konnte Joie eine Nachricht in einer einzigen Nacht über den ganzen Kontinent tragen.
»Hallo, Joie«, sagte Martin und lächelte.
»Hallo, Martin«, seufzte Joie traurig. Sie lag auf einem langen, schmalen Bett. »Lass mich raten. Du willst, dass ich wieder einmal den gefallenen Engel spiele.«
»Ehrlich gesagt wäre mir nichts lieber«, grinste Martin. »Aber du wirst nicht mit mir spielen und auch mit sonst niemandem, es sei denn, du möchtest das. Ich brauche dich, um mir noch einen Dienst zu erweisen, und dann bist du frei.«
Joie richtete sich auf dem Bett auf und sah ihn mit eiskalter Miene an.
»Spiel nicht mit mir, Martin«, sagte sie, und in ihrem Gesicht arbeitete es. »Tu mir das nicht an. Mir ist ganz egal, welche Geas du über mich hast, ich werde dich töten.«
»Frei«, sagte Martin und zog ein kleines Rohr heraus. »Hier sind deine Befehle. Fliege von hier zur Küste Ropasiens, der Bretonischen Küste.« Er zog eine Karte heraus und zeigte auf einen Punkt darauf. »Du findest die Stelle leicht, wenn du der Lore folgst und dann Kurs nach Norden nimmst. An diesem Fluss gibt es eine Stadt. Und an der Küste steht auf einer hohen Klippe ein Haus. Es hat einen Witwensteg, und es brennt dort immer ein Licht, das nach oben gerichtet ist. Du musst bis zum Anbruch der Morgendämmerung dort sein. Schaffst du das?«
»Wenn ich mich voll stopfe«, nickte das Mädchen.
»Dann tu das«, sagte Martin und reichte ihr das Rohr. »Nimm das. In dem Haus ist eine Person. Sag ihr, ›Jean hat einen langen Schnurrbart‹, und sie wird sich um dich kümmern. Am Abend darauf gehst du mit einer Laterne zum Strand hinunter. Das wird Samstag sein. Du musst es bis Samstag schaffen.«
»Das werde ich.« Joie nickte.
»Leute werden am Strand auf dich warten. Gib ihnen die Kapsel und sag ihnen, dass sie dich wegbringen müssen. Die müssen dafür sorgen. Bleib in dem Haus, bis die Zeit gekommen ist. Komm nie zurück.«
»Das werde ich nicht«, sagte Joie. »Darauf kannst du dich verlassen.«
»Heute Nacht ist Neumond«, sagte Martin. »Du solltest nicht entdeckt werden.«
»Ist das wirklich dein Ernst?«, fragte Joie mit Tränen in den Augen.
»Das ist es«, sagte Martin und nickte. »Aber es ist gefährlich. «
»Das ist mir gleichgültig«, brauste Joie auf. »Ich habe mir
oft genug gewünscht, tot zu sein. Wieder frei zu sein. Wieder meine Schwingen ausbreiten zu können und zu fliegen!«
»Du bist nicht in Form«, meinte Martin besorgt.
»Ich werde es schaffen«, versprach Joie. »Ich werde es schaffen, und wenn ich nach Norau fliegen müsste.«
»Das sollte nicht notwendig sein«, sagte Martin mit einem schiefen Grinsen. »Geh jetzt. Iss. Und dann flieg.« Er streckte die Hand aus und strich über den Flaum an ihrer Wange. »Ich weiß, du wirst mich nicht vermissen, aber ich werde dich vermissen. Sobald du deine Mission erfüllt hast, bist du von jedem Geas befreit, auf mein Wort als dein Besitzer. Jetzt geh.«
Joie spürte jeden Tag ihrer Gefangenschaft, als sie flog. Sie hatte in ihrem Zimmer die ganze Zeit Liegestütze gemacht, versucht, ihre Flügel zu bewegen, für den Fall, dass es ihr gelingen sollte, den teuren Geas zu brechen, den ihr erster »Herr und Meister« gekauft hatte, um sie zu kontrollieren. Aber Liegestütze waren nicht das Gleiche wie Fliegen, und zu viele ihrer Muskeln waren nicht in Form. Sie hatte versucht, langsam warm zu werden, indem sie sehr vorsichtig in die Höhe gestiegen war. Aber sie konnte nicht ausruhen. Nicht, wenn sie es bis zur Morgendämmerung schaffen sollte. Sie musste mit aller Kraft fliegen, fliegen, wie sie nie in ihrem Leben geflogen war, und wenn es alle ihre Kräfte kostete.
Eines wusste Martin nicht von ihr: Sie brauchte seine Richtungsangaben nicht. Sie hatte sich für ein
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