Die Quellen Des Bösen
unsanft weckte. Was ist denn? Plagt Euch ein Delirium Schokoladicum?«
Ausnahmsweise glaubte ihm der Herrscher. »Nichts«, meinte er schließlich. Es schien alles ruhig. »Ist es möglich, dass Magie sich verselbstständigt?«
»Bin ich Soscha?«, konterte Fiorell ungnädig und wandte sich um. »Gute Nacht, Majestät. Und nur zu Eurer Erklärung: Ich werde mich bestimmt nicht mehr aus den Kissen heben.«
Da täuschte er sich allerdings gewaltig.
Kaum schüttelte er die Decke auf und schlüpfte unter die wärmenden Laken, als sein Name wieder durch die Flure des Hauses gebrüllt wurde. Er stülpte sich das Kissen über den Kopf und gab sich Mühe, einzuschlafen.
Doch seine Anstrengungen endeten spätestens, als Perdór in sein Zimmer stürmte, ihn ohne eine Erklärung aus dem Bett zerrte und in den Raum schob, in dem der König und er üblicherweise arbeiteten. Aus der mühevoll hergestellten Ordnung war ein heilloses Durcheinander geworden.
»Saubere Arbeit, o Vater aller Pralinen«, lobte der Hofnarr ironisch. »Sucht Euch einen anderen Deppen zum Aufräumen. Was habt Ihr getan? Einen Sturm hereingelassen? Oder hattet Ihr Bohnen zum Abend und habt mit Euren eigenen Winden diese Pracht angerichtet?« Er schnupperte geräuschvoll. »Nein, Ihr wart es nicht.«
»Hier spukt es.«
Fiorell lachte auf. »Sicher, Majestät. Und meine Mütze brennt lichterloh.«
Die Kerze auf dem Tisch erhob sich und legte Feuer an den Bommel. Fluchend riss Fiorell sich die Mütze herunter und trampelte auf ihr herum.
»Sehr komisch. Wollt Ihr das Haus in Schutt und Asche legen, Majestät?« Doch der königliche Ilfarit stand mehr als vier Meter vom Tisch entfernt. »So gelenkig seid Ihr nicht.« Er stockte. »Wie …?«
Der Gänsekiel schwebte in die Lüfte und kritzelte etwas auf das Blatt.
»Das ist bestimmt für dich«, meinte Perdór gönnerhaft. »Etwas schreibt Botschaften.«
»Jetzt weiß ich, warum Ihr mich vorhin nach vakanter Magie fragtet.« Vorsichtig näherte er sich dem Tisch und äugte auf die Nachricht. »Ist ja herzallerliebst. Da steht: Verschwinde.« Beiläufig las er die anderen Sätze. »Wer ist denn der Meister? Soscha kann es nicht sein, sonst stünde hier ›Meisterin‹.«
»So weit war ich auch schon. Was macht man gegen einen Spuk?«
»Ich hole Soscha«, entschloss sich Fiorell. »Sie wird am besten wissen, was zu tun ist.«
Die Tür klappte zu und widersetzte sich allen Versuchen, sie zu öffnen.
Das Papier aber erhob sich und drängte sich zwischen die Finger des Königs, die Feder schrieb »Folge mir«. Dann verharrte das Schreibutensil in Nasenhöhe des Herrschers.
»Wenn es ein Trick von Nesreca ist, Euch auszuschalten?«, gab der Spaßmacher zu bedenken. »Bleibt lieber hier. Wir holen Hilfe. Die Ulsarin wird schon wissen, was man gegen die Plage ausrichtet.« Es klatschte vernehmlich, als er für diesen Vergleich eine Ohrfeige kassierte. Fiorell hob die Arme wie ein Preisboxer zur Verteidigung und drosch Luftlöcher. »Komm her, du Gespenst! Nimm das!«
Wieder erklang das betörende Frauenlachen. Die Unsichtbare schien sich prächtig zu amüsieren.
»Lustig, lustig, trallala«, giftete Fiorell und rotierte um die eigene Achse, die Hände nach wie vor zur Abwehr bereit, um einen Hinweis auf die Angreiferin zu entdecken. »Ich hoffe, du genießt die Vorstellung. Wenn ich dich kriege, Geist, fülle ich dich in eine Flasche und versenke sie im Meer.«
Schwach schimmernd manifestierte sich die türkisfarbene Silhouette einer Dame in einem Abendgewand, wie es schon seit vielen Jahrzehnten aus der Mode gekommen war. Das Geisterwesen schwebte auf den Hofnarren zu und fuhr durch ihn hindurch.
Fiorell krümmte sich zusammen, die Haare auf seinen Armen standen senkrecht nach oben, seine Zähne klapperten.
»Eiskalt«, bibberte er. »Als ob man in eine Schneewehe geworfen wird. Das war eiskalt. Bist du verrückt, Spuk?« Er stakste zum Feuer, um sich aufzuwärmen.
»Ich wollte dir zeigen, dass du gegen mich nicht bestehst«, sprach der Schemen mit singender Stimme. »Lege dich nicht mit mir an und verhalte dich ruhig.« Sie wandte sich Perdór zu. »Der Meister will dich sehen. Folge der Feder.« Die Umrisse begannen wieder zu verblassen.
»Wer ist dein Meister?«, verlangte der ilfaritische König zu wissen. »Und wer bist du?«
»Ein Freund. Mehr darf ich dir nicht sagen.« Ihre Stimme wob einen Klangteppich, der sich schmeichelnd um Ohren und Verstand legte, zum Zuhören zwang und die
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