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Die Tochter des stählernen Drachen

Die Tochter des stählernen Drachen

Titel: Die Tochter des stählernen Drachen Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Michael Swanwick
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Gruppe gebildet. Notizbücher wurden von Hand zu Hand gereicht.
    Die Aufzugführerin war eine Kartoffelfrau, deren braunes Gesicht so ausgestülpt und schief war, daß sich ihr finsterer Blick in den hügeligen Konturen verlor. Sie öffnete die Türen in die Vorhalle, und die Habundianerinnen strömten kichernd hinaus. Die beiden Duellanten duckten sich in ihrer Mitte und versuchten, sich mit einzuschleichen.
    Die Kartoffelfrau hielt jedoch nichts davon. Sie schnappte sich einen Besen und zwängte sich in die Menge, schlug links und rechts um sich und hieb die Jungen auf Köpfe und Arme, bis Blut floß. Sie war ein fluchender Wirbelwind, der die beiden gewaltsam in den Aufzug zurückdrängte. Mit einem triumphierenden Gackern knallte sie die Türen zu.
    Jane ging in ihr Zimmer und warf die Bücher aufs Bett. Wie üblich war Monkey ausgegangen, aber zu dieser Zeit des Abends versammelten sich stets viele Mädchen draußen auf dem Balkon, spielten Karten und tratschten. Jane setzte sich an den Schreibtisch, entschlossen, eine Stunde zu arbeiten, ehe sie zu ihnen ginge.
    Sie öffnete ihren Petrus Bonus und las: »Etwas eng Verwandtes zur Entwicklung der Alchemie läßt sich im Tier, Gemüse, Mineral und in der Welt der Elemente beobachten. Die Natur erschafft Frösche in den Wolken oder durch die Kräfte der Fäulnis im Staub, der vom Regen befeuchtet wird, oder letztlich durch die Veranlagung blutsverwandter Substanzen. Avicenna sagt uns ...« Sie gähnte, verlor die Zeile, fand sie wieder »... sagt uns, daß inmitten von Donner ein Kalb in den Wolken erschaffen wurde und die Erde in einem verdatterten Zustand erreichte. Die Zerlegung eines Basilisken erschafft Skorpione.« Das meiste war die bloße Anhäufung von Beispielen, Etablierung von Autorität durch eine Menge Daten. Aber es war unmöglich festzustellen, wann ihr auf einer Seite ein Schlüsselkonzept entgehen mochte, also mußte sie alles durchackern. »Im toten Körper eines Kalbes werden Bienen erschaffen, Wespen im Kadaver eines Esels, Käfer im Fleisch eines Pferds und Heuschrecken in Fleisch eines Maulesels.« Sie überlas flüchtig mehrere weitere Beispiele. »Das gleiche Gesetz herrscht in der Welt der Minerale, wenn auch nicht in solchem Ausmaß.«
    Jane schlug das Buch zu und schob sich vom Schreibtisch weg. Das war einfach zu langweilig. Sie konnte sich nicht konzentrieren. Ihr Stein war zwei Wochen überfällig, und sie glaubte nicht, daß sie eine weitere Verlängerung erhielte. Was noch schlimmer war, sie hatte das bestimmte Gefühl, irgendwo unterwegs ein grundlegendes Konzept nicht mitbekommen zu haben, weil sie in jeder Seminarstunde spürte, wie sie stetig und unaufhaltsam zurückfiel. Wenn sie nicht rasch aufholte, würde sie es überhaupt nicht mehr schaffen.
    Sie brauchte etwas zu trinken.

    Durch die schmalen Spalten zwischen den Gebäuden der Großen Grauen Stadt war ein wunderbarer Sonnenuntergang am Horizont zu sehen, der goldenes Licht von den Fenstern im Osten zurückwarf. Sirin hatte die Füße auf die Balustrade gelegt, wobei sie ihre schönen langen Beine zeigte. Außerdem waren noch Raven, Nant und Jenny Greenteeth anwesend. Ihnen zu Füßen stand eine fast volle Packung Frog City.
    Jenny warf den Greifen das Bier zu. Sie hob den Arm und schleuderte eine ungeöffnete Dose, so weit sie konnte. Die Dose fing das Sonnenlicht ein und wirbelte glitzernd zu den unsichtbaren Straßen hinunter.
    Verzweifelt kreischend stürzten drei Greife der Dose nach. Der Sieger schnappte sie mit dem Schnabel. Metall knirschte, und die Dose platzte auf. Bier schäumte und sprudelte. Der Greif kaute und schluckte, während die Flügel emsig arbeiteten, um ihn in der Schwebe zu halten.
    Obgleich sie ihm innig zugetan waren, vertrugen Greife den Alkohol nur schlecht. Mehrere der Kreaturen waren bereits ziemlich voll und flogen ziellos im Zickzack in den Schluchten zwischen den hohen steinernen Mauern umher. Um ein Haar wäre ein Greif gegen eine Verbindungsbrücke geprallt, die zwei Universitätsgebäude miteinander verknüpfte. Jane hielt den Atem an.
    Jenny lachte, rülpste und warf eine weitere Dose.
    »Hol dir einen Stuhl«, sagte Sirin herzlich. »Wir unterhalten uns über was.«
    Jane lehnte sich gegen die Balustrade und sah die endlosen gestuften Türme mit den abgerundeten Kanten hinauf. Sie sahen aus wie zu riesenhafter Größe verzauberte Termitenhügel. Skywalks verbanden sie zu einem komplizierten Geflecht. Hier und dort sah man grüne

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