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Die Zeit der Feuerblüten: Roman (German Edition)

Die Zeit der Feuerblüten: Roman (German Edition)

Titel: Die Zeit der Feuerblüten: Roman (German Edition) Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Sarah Lark
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heißt, es sei vorherbestimmt. Und ob ich den … den Anforderungen entspreche? Jedenfalls nein, nein, ich mache mir keine Sorgen um deine Errettung. Auch wenn das natürlich Christenpflicht wäre. Ich sollte mich darum sorgen, und …« Sie brach ab und spielte mit einem Grashalm. Ida musste sich sichtlich überwinden, weiterzusprechen. »Eigentlich wollte ich nur, dass du bleibst, weil ich mit dir reden kann«, brach es schließlich aus ihr heraus. Sie sprach die Worte aus, als handelte es sich um das Geständnis einer Straftat.
    Cat setzte sich zu ihr. »Aber Ida«, sagte sie sanft. »Du kannst doch mit jedem hier reden. Jeder spricht deine Sprache …«
    Ida schüttelte den Kopf. »Eben nicht«, flüsterte sie. »Ich … ich glaube, dass mich hier keiner versteht. Das ist verrückt, nicht? Ich hab früher schon so empfunden. Als ich klein war, in der Schule. Ich war irgendwie anders. Wir waren anders … ich und … Karl. Wir haben immer alles anders gesehen. Aber das ist nun schon wieder hoffärtig, weil … Wir haben immer bessere Noten bekommen als die anderen, und darauf sollte ich nicht stolz sein. Gerade ich nicht als Mädchen. Der Lehrer hat meinem Vater mal gesagt, ich sei eine seltene Laune der Natur. Und irgendwie bin ich immer noch stolz darauf. Ich weiß nicht, was mit mir los ist, heute begehe ich eine Sünde nach der anderen.«
    »Mein schlechter Einfluss?«, scherzte Cat.
    Ida lächelte nicht, schüttelte jedoch den Kopf. »Es ist nur … Wenn ich nicht bald jemanden finde, mit dem ich reden kann … dann … ich hab das Gefühl, als müsste ich dann ertrinken … Ob der Fluss nun kommt oder nicht.«
    Cat legte sanft den Arm um Ida und spürte ihre knochigen Schultern unter dem wollenen Kleid. »Ich will gern mit dir reden«, sagte sie freundlich. »Obwohl ich nicht weiß, ob ich wirklich deine Sprache spreche. Das mit der Schule zum Beispiel … Ich war nie in der Schule. Und ich weiß auch nicht, ob ich irgendjemanden davor retten kann, zu ertrinken. Ich könnte dir höchstens das Schwimmen beibringen. Aber die Sprache der Geister, weder jener des Flusses noch all der anderen, die dich quälen, beherrsche ich nicht.«

KAPITEL 2
    Cat bemerkte sehr bald, dass es nicht nur Götter und Geister waren, die Ida quälten. Sie machte schnell handfeste Gründe dafür aus, dass ihre neue Freundin so verhärmt und unglücklich wirkte. Einmal war da die extrem schwere Arbeit, mit der die Frauen in Sankt Paulidorf belastet waren. Ida und die anderen Frauen und Mädchen erhoben sich bei Sonnenaufgang, machten das Frühstück für ihre Familien und begaben sich dann sofort auf die Felder oder in ihre Gärten. Die Männer der Siedlung waren mit dem Bau der Häuser beschäftigt, die Feld- und Gartenarbeit oblag traditionell den weiblichen Familienmitgliedern. Nur zwei der Bewohner von Sankt Paulidorf hatten in der alten Heimat nennenswerte Bauernhöfe bewirtschaftet. Die anderen ernährten ihre Familien mit Handwerksberufen, für Gartenarbeit blieb da keine Zeit. In Raben Steinfeld waren die Grundstücke allerdings klein gewesen, die Gärten längst angelegt und die Felder schon vor Generationen urbar gemacht. Die Frauen hatten es leicht geschafft, diese Flecken zu bewirtschaften, und im Zweifelsfall konnte auch mal ein Tagelöhner beschäftigt werden, um zu pflügen oder bei der Ernte zu helfen. Hier jedoch besaß jeder Siedler zwanzig Hektar Land und setzte seinen Ehrgeiz darein, es möglichst sofort zu bestellen. Die Frauen mussten also helfen, auch beim Roden der Grundstücke, und die Gärten waren ohnehin ihre angestammte Domäne. Nur wenige Männer ließen sich dazu herab, ihnen auch nur beim Anlegen der Entwässerungsgräben beizustehen. Die älteren Frauen konnten natürlich ihre Söhne hinzuziehen. Ein kräftiger Dreizehn- oder Vierzehnjähriger war schon eine gewaltige Hilfe. Ida war jedoch auf sich allein gestellt – und mehr noch Elsbeth, die schon am Tag nach Cats Ankunft und Idas und Ottfrieds Umzug in ihr neues Haus bitterlich weinend auf Idas Schwelle stand.
    »Anton ist weg!«, vermeldete sie verzweifelt. »Er hat gestern mit Vater gestritten. Ottfried hat den jungen Männern wohl … einen ausgegeben …«, die letzten Worte kamen zögernd. Sie waren Elsbeth in Raben Steinfeld nicht geläufig gewesen, Alkohol hatte man damals höchstens im eigenen Haus und nur in sehr geringen Mengen konsumiert, »… und das hat Vater gerochen, als Anton nach Hause kam. Na ja, du kennst Vater!

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