Die Zeit der hundert Königreiche
deine Liebe, Melisandra.«
Mit einer Intensität, die furchterregend war, sprach sie in die Dunkelheit hinein: »Ich bin mir nicht sicher, ob ich weiß, wie man liebt. Doch wenn ich es lernen kann, einen Mann zu lieben, dann dich, Paul.«
Er sagte nichts mehr, er zog sie nur leidenschaftlich an sich. Aber noch inmitten seiner Freude und seiner Verwunderung nagte ein störender Gedanke an ihm.
Jetzt kann ich nicht mehr zurück. Jetzt bin ich dieser Welt verfallen, jetzt gibt es hier jemanden, der mir mehr bedeutet als irgendwer oder irgend etwas auf der Welt, von der ich kam. Was wird jetzt geschehen, wo ich das Ganze nicht mehr als verrückten Traum ansehen kann?
3
Zehn Tage später ritt Paul Harrell zum ersten Mal an der Seite Bards di Asturien in den Krieg.
»Die Männer von Serrais haben ihren Eid gebrochen«, erklärte Bard ihm, als sie ihre Vorbereitungen trafen. »Vielleicht brauchen wir nicht zu kämpfen. Aber wir müssen sie daran erinnern, was sie geschworen haben, und die beste Art, das zu tun, ist, ihnen unsere Stärke und unsere Truppen zu zeigen. Halte dich bereit, innerhalb einer Stunde zu reiten.«
Pauls erste Reaktion darauf war der triumphierende Gedanke: Das ist eine Gelegenheit, Macht zu erringen! Doch gleich darauf dachte er bestürzt: Melisandra! Er wollte nicht so schnell schon wieder von ihr getrennt werden. Gerade erst war der Verdacht in ihm aufgestiegen – zum ersten Mal in seinem Leben –, daß er überhaupt nicht mehr von ihr getrennt werden wollte. Aber bei nüchterner Überlegung mußte er zugeben, daß diese Trennung vermutlich das Beste war, was geschehen konnte.
Früher oder später, das wußte er, würde er Melisandras wegen mit Bard in Streit geraten. Er verlangte immer noch nach ihr wie nie zuvor nach einer Frau. Normalerweise wäre er nach zehn Tagen schon übersättigt gewesen und hätte jeden Anlaß freudig begrüßt, der die Fessel sprengte. Aber er wollte Melisandra immer noch. Er fürchtete diese Trennung, er begehrte diese Frau – er konnte es nicht erklären – auf eine neue Art. Er wollte sie für immer, und mit ihrer Zustimmung. Bestürzt stellte er fest, daß ihr Glück ihm wichtiger geworden war als sein eigenes.
Er hatte immer gedacht, Frauen nahm man, und damit hatte es sich. Warum, fragte er sich, empfand er bei Melisandra so ganz anders?
Ich habe immer geschworen, mich sollte nie eine Frau an der Nase herumführen … Ich war überzeugt, Frauen wünschten sich, beherrscht zu werden, einen richtigen Mann zu haben, den sie nicht unterkriegen können … Warum ist diese eine Frau so ganz anders?
Er war sich klar, daß er Melisandra für sein und ihr ganzes Leben wollte. Aber er wußte auch, daß Bard, von einer unkomplizierteren Gesellschaft hervorgebracht, Melisandra als sein Eigentum, seine Beute, seinen Besitz ansah. Er mochte sie Paul eine Weile überlassen, um sie zu demütigen, aber es war unwahrscheinlich, daß er ganz auf sie verzichtete. Schließlich war sie die Mutter seines einzigen Sohns.
Und im Augenblick gab es nichts, was Paul unternehmen konnte. Der Tag würde kommen, an dem sie sich um Melisandra stritten, und Paul wußte, daß er darauf vorbereitet sein mußte.
Denn wenn jener Tag kommt , dachte er, wird entweder er mich töten, oder ich werde ihn töten müssen. Und ich habe nicht die Absicht, mich töten zu lassen .
Deshalb packte er seine Sachen für den Ritt ein und sagte zu Bard: »Ich würde Melisandra gern Lebewohl sagen.«
»Das ist nicht notwendig«, antwortete Bard, »denn sie wird mit der Armee reiten.«
Paul nickte, ohne sofort darüber nachzudenken. Er war an weibliche Soldaten gewöhnt, sogar an weibliche Generäle. Dann packte ihn der Schreck. Ja, in einem Krieg, der im Drücken von Knöpfen bestand, waren Frauen für den Kampf ebenso geeignet wie Männer. Aber in dieser Welt, wo Krieg den Nahkampf mit Schwertern und Dolchen bedeutete?
»Oh, weibliche Soldaten haben wir auch.« Bard hatte seine Gedanken gelesen. »Die Frauen vom Orden der Entsagenden, von der Schwesternschaft des Schwerts, reiten mit den Männern in die Schlacht, und sie kämpfen wie Berserker. Aber Melisandra ist eine richtige Frau, keine von denen. Sie ist eine Zauberin, eine Leronis , die die Armee begleitet, um Zauberei abzuwehren.«
Paul dachte, daß das noch gefährlicher sein mochte, aber er sprach es nicht aus. Als sie eine Stunde später davonritten, meinte Bard, dies sei eine günstige Gelegenheit.
»Es gibt Leute, die mich an
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