Die Zeit der hundert Königreiche
doch mochte es einfacher sein, an Melora als Feindin zu denken, da sie nun einmal außerhalb seiner Reichweite war. Sie war die einzige Frau auf der Welt, die so etwas wie Verständnis für ihn gehabt hatte, und doch hatte er sie nie berührt.
»Natürlich nicht!« verwahrte sich Meister Gareth. »Die Leroni von Neskaya haben gelobt, nur zum Wohl aller Menschen zu leben und mit ihren Sternensteinen zu arbeiten und sich keinem König oder Herrscher zu verpflichten, sondern nur den Göttern, und zu helfen und zu heilen. Deshalb sind sie keine Feinde, mein Lord Wolf.«
»Das glaubt Ihr wirklich?« Bards Stimme klang verächtlich.
»Sir, ich weiß es. Melora lügt nicht, und sie hätte auch keinen Grund, mich zu belügen. Außerdem kann kein Laranzu einen anderen belügen. Dom Varzil ist genau das, was zu sein er behauptet. Er ist dem Vertrag treu, indem er keine Laran -Waffen benutzt, herstellt oder zuläßt. Er ist ein ehrenwerter Mann, und ich bewundere seinen Mut. Es kann nicht leicht sein, auf seine Waffen zu verzichten, wenn man weiß, daß die anderen sie immer noch einsetzen und nicht glauben wollen, man habe sie niedergelegt.«
»Wenn Ihr ihn dermaßen bewundert«, bemerkte Bard gereizt, »muß ich dann damit rechnen, daß auch Ihr desertiert und unter die Fahnen dieses herrlichen großen Mannes Varzil eilt? Er ist ein Ridenow von Serrais.«
»Sicher, so ist er geboren. Aber jetzt ist er Varzil von Neskaya und schuldet nur seinem Turm Loyalität. Und Eure Frage, Meister Bard, ist unnötig. Ich habe König Ardrin einen Eid für mein ganzes Leben geleistet, und ich werde ihn weder für Varzil noch für einen anderen brechen. Ich hätte treu zu Ardrins Sohn gehalten, wäre Königin Ariel nicht mit ihm außer Landes geflohen. Ich folge dem Banner Eures Vaters, weil ich fest glaube, daß dies das beste für Asturias ist. Aber ich bin nicht der Hüter von Meloras Gewissen. Und tatsächlich hat sie Ardrins Hof in der gleichen Nacht verlassen, als Ihr verbannt wurdet, Sir – lange bevor es nötig wurde, sich zwischen Valentines Sache und Alarics zu entscheiden. Valentine war damals nicht einmal geboren. Und sie ging mit des Königs Erlaubnis.«
»Trotzdem«, wandte Bard ein, »wenn sie sich entschlossen hat, nicht gegen die Feinde von Asturias zu kämpfen, muß ich sie dann nicht zu diesen Feinden zählen?«
»So seht Ihr es, Sir. Aber Ihr müßt auch bedenken, daß sie sich gleichfalls entschieden hat, nicht an der Seite der Feinde von Asturias zu kämpfen. Das hätte sie leicht tun können. Nicht alle Mitglieder von Varzils Kreis haben den Vertrag beschworen, sondern Neskaya verlassen und sich der Hastur-Partei in jener Armee angeschlossen. Melora blieb bei Varzil, und das bedeutet, daß sie neutral bleiben wird, Sir. Und meine Enkelin Mirella ist in den Hali-Turm gegangen, der sich ebenso wie Neskaya zur Neutralität verpflichtet hat. Ich bin ein alter Mann, und ich stehe treu zu meinem König, solange er mich braucht. Aber ich bete darum, daß die jungen Leute einen Weg finden, Schluß mit diesen verdammenswerten Kriegen zu machen, die Jahr für Jahr unser Land verwüsten.«
Bard gab keine Antwort darauf. Er sagte: »Ich möchte an Melora nicht gern als an meine Feindin denken. Wenn sie nicht meine Feindin ist, soll es mir recht sein, daß sie neutral bleibt.«
Paul, der zwischen Bard und Melisandra ritt, dachte darüber nach, wieso Melora diesen Ausdruck von Zorn und Leid und Kummer in Bards Gesicht brachte. Meister Gareth erklärte: »Eure Feindin ist sie niemals gewesen, Sir. Sie hat immer gut von Euch gesprochen.«
Bard spürte, daß sowohl Melisandra als auch Paul seine Gedanken lasen, und bemühte sich wütend, sie unter Kontrolle zu halten. Was bedeutete ihm diese Frau Melora überhaupt? Dieser Teil seines Lebens war vorbei. Wenn dieser Feldzug abgeschlossen war, wollte er allen seinen Leroni befehlen, eine Methode auszuarbeiten, nach der er die Insel des Schweigens angreifen und Carlina heimholen konnte. Und dann brauchte er nie wieder an Melora zu denken. Oder – er fing einen Blick auf, den Paul und Melisandra wechselten – an Melisandra. Paul konnte sie von ihm aus gern haben. Wenigstens kam er dann eine Weile nicht auf gefährliche Gedanken.
Eine Weile. Bis ich sicher im Sattel sitze und Alaric König über alle diese Länder ist. Danach stellt er ein zu großes Risiko für mich dar. Er ist ehrgeizig, und er hat sich bis dahin daran gewöhnt, Macht auszuüben .
Zu seiner eigenen
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