Dirty Deeds - Meine wilde Zeit mit AC/DC
England-Geschichte hatte ich zu Anfang als Träumerei abgetan, aber es dauerte nicht lange, bis mir klar wurde, wie ernst es ihnen damit war. Dieser Plan würde gelingen. Ganz sicher. Alles andere hätte man als Blasphemie ausgelegt – hätte ich ernsthaft Zweifel geäußert, wäre das einer Meuterei gleich gekommen, und man hätte mich über die Planke gehen lassen. Aber es war auch klar wie Kloßbrühe. Wir waren so schnell in Australien durchgestartet und hatten zwei erfolgreiche Alben und ein paar Hits vorgelegt, dass jetzt das Motto lautete: Auf zu neuen Ufern.
Michael war Mitte 1975 nach London geflogen, um für die Band den Boden zu bereiten. Dort machte er die Runde mit seinem „Maxwell Smart“-Videoplayer für die Aktentasche, einem ziemlich abgefahrenen Gerät für die damalige Zeit, das direkt aus dem Fundus des MI5 oder eines anderen Geheimdienstes zu stammen schien. Es dauerte nicht lange, und Michael war bekannt als der „Aussie mit der Aktentasche“. Jedem, der nur halbwegs Interesse zeigte, spielte er die Videoaufzeichnung von „High Voltage“ vor, die bei einem Gig in der Festival Hall mit den Skyhooks aufgenommen worden war. Der Clip enthielt auch eine Menge Aufnahmen vom Publikum, und viele Fans hatten Banner mitgebracht, auf denen groß AC/DC stand. Am schönsten fand ich allerdings das mit der Aufschrift ANGUS U SPUNK, was im Aussie-Slang soviel bedeutete wie: Angus, du bist rattenscharf. Dieses Plakat hatte niemand anders gebastelt als der rattenscharfe Meister selbst: Einen ganzen Nachmittag lang hatte er auf dem Fußboden im Wohnzimmer des AC/DC-Hauptquartiers daran gewerkelt. Das wussten die Anzugtypen in London natürlich nicht; die sahen nur, dass das Publikum total ausrastete.
Michaels Schwester Coral öffnete einige wichtige Türen für uns, und das war uns eine sehr große Hilfe. Coral lebte schon seit fünf Jahren in London, hatte für das Label A&M gearbeitet und unter anderem mit den Rolling Stones zu tun gehabt. Sie hatte gute Connections und war wegen ihrer positiven Ausstrahlung und ihrer guten Laune überall sehr beliebt. Sie nutzte all ihre Kontakte, um AC/DC in England bekannt zu machen – sie kannte alle wichtigen Leute, alle guten Clubs und wusste, wie die Musikszene funktionierte. Für uns nahm sie weitab von zu Hause auch ein wenig die Mutterrolle ein, und davon abgesehen war Coral, wenn ich das hier so sagen darf, auch ziemlich nett anzusehen. Sie besaß die Qualitäten vieler australischer Frauen: Einerseits war sie eine richtig heiße Braut, wusste aber auch das Selbstbewusstsein eines Mannes aufzubauen und konnte gleichzeitig ein richtig guter Kumpel sein.
In erster Linie versuchte Michael, der Band einen Plattenvertrag zu beschaffen und dafür zu sorgen, dass High Voltage in England veröffentlicht wurde. Falls das nicht gelang, sah der Notfallplan vor, zunächst ein paar Showcases für Oktober und November 1975 zu organisieren, idealerweise im Marquee oder Speakeasy, zwei Clubs in der Londoner Innenstadt, die von den wichtigen Drahtziehern der Musikindustrie frequentiert wurden und uns vielleicht voranbringen konnten. Doch dann traf sich Michael bei Atlantic Records mit Phil Carson und Dave Dee und konnte glücklicherweise einen Deal unter Dach und Fach bringen – bei demselben Label, bei dem auch Bands wie Led Zeppelin und Bad Company unter Vertrag standen. Es verlief tatsächlich alles nach Plan, auch wenn Michael insgesamt zehn Tage länger brauchte, als er ursprünglich eingeplant hatte.
Bevor wir uns dann auf den Weg nach England machten, schickte uns Michael im Januar 1976 noch einmal ins Studio, um den Nachfolger zu TNT einzuspielen, das sich in Australien anhaltend gut verkaufte. Tatsächlich wurde die Veröffentlichung von Dirty Deeds Done Dirt Cheap auf dem heimischen Markt sogar noch eine Weile zurückgehalten, weil das Interesse an TNT noch so groß war. Bei den Aufnahmen gingen wir nach dem schon vertrauten Muster vor – erst wurden bei Soundchecks und anderen Gelegenheiten ein paar Riffs und Songideen ausprobiert, dann quetschten wir zwei Wochen Studiozeit mit George und Harry in unseren randvollen Tourneekalender. Schließlich stand der Exodus nach Großbritannien bevor, und wer konnte da schon sagen, wann wir wieder Gelegenheit haben würden, ins Studio zu gehen?
Vorab hatte es schon einen kurzen Boxenstopp bei Alberts gegeben, um „Jailbreak“ und „Fling Thing“ einzuspielen, damit wir ein paar Songs in der Hand hatten, um den Fans
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