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Du stirbst nicht: Roman (German Edition)

Du stirbst nicht: Roman (German Edition)

Titel: Du stirbst nicht: Roman (German Edition) Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Kathrin Schmidt
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riesiges psychiatrisches Krankenhaus, das sie gut kannte. Jetzt hat man hier eine ultramoderne Unfallklinik hochgezogen. Die alten, verstreuten Gebäude stehen noch. In zweien von ihnen residiert eine private Augenklinik. Helene beginnt den Nachmittag mit einer Erkundungsfahrt.
Im Rollstuhl zunächst zum Tierpark. Vor fünfzehn Jahren, zu Bengts achtem Geburtstag, hatten sie eine große Kindertour hierher gemacht. Die Wuhle entlang, die damals stank und nur an wenigen Stellen schaumgebremst anrollte, waren sie mit einer Horde von acht oder neun Bengeln losgezogen. Lissys Kinderwagen brach fast zusammen unter der Last der guten Sachen: Kartoffelsalat, kalte Würstchen und Buletten, drei oder vier Sorten Kuchen, Kinderbowle im verschließbaren Einkochautomaten mit Hahn. Preise für die Wettspiele natürlich. Matthes und sie hatten sich eng aneinander zu lehnen damals, denn ihm stand das Wasser, das er heulte, weil er seine Kinder nicht sehen durfte, bis zum Hals, und ihr ging die Muffe, weil sie sich entschlossen hatte, Bills Vater anzugeben, entgegen den Absprachen mit ihm. Matthes war für seine beiden Kinder unterhaltspflichtig, und sie fand es auf einmal widersinnig, auf Geld zu verzichten, das Bill, nicht ihr, zustand. Sechs Jahre ohne Vater … Nun hatte er hervorzukommen aus der Versenkung.
Zwischenzeit.
Matthes wartete auf das Jugendamt, um seine Exfrau von seiner Existenz zu überzeugen. Sie wartete auf das Jugendamt, um einen Mann zum Vater zu machen.
Sie klammerten, was das Zeug hielt. Sie war in der besseren Position, denn ihr konnte man nicht ans Leder. Auch mit den Kindern sang sie lauter als Matthes, der aber dafür traditionell die besseren Spielideen hatte. Sie tobten, sie war noch gut zu Fuß, über Stämme, auf Klettergerüsten. Auf einmal waren zwei Jungen verschwunden. Ihr Herz schlug, Panik machte sich breit, immerhin befanden sie sich im Park einer ausgedehnten Psychiatrie. Matthes wie immer ruhig und beherrscht, sie von der Seite anherrschend, der Panik wegen. Er überlegte, rannte zur Wuhle, stieg an deren Ufer in einen Schacht und brachte über kurz oder lang die dreckverschmierten Kerlchen zum Vorschein, die grinsten und sich an der Aufregung, die sie verursacht hatten, schließlich zu höchsten Tönen aufschaukelten. Helene und Matthes stimmten, hilflos?, ein in das Indianergeheul und überredeten die ganze Bande zum Essen. Während sie daran denkt, zieht ihr der Duft einer Bulette von innen her in die Nase. Plötzlich sieht sie Matthes: Den Kopf leicht eingezogen, den Rücken angebuckelt, steht er voller Spannung am Herd, hat zwei Pfannen darauf gestellt und will das Gas entzünden, um die Klopse zu braten. Das Gas strömt, sie wartet darauf, dass er ein Streichholz anstreicht, aber nichts tut sich, er betrachtet nur gedankenverloren seine Hand, die den Gasknopf festhält. Jetzt hebt er das Gesicht, schaut zu ihr herüber. Seine sehr alten Augen schauen durch sie hindurch, weit hinter ihr muss ein lohnenderes Ziel für seinen Blick auszumachen sein. Als sie die Augen schließt, kommt es zur Explosion, denn als sie sie wieder öffnet, sieht sie seinen enthäuteten Schädel auf sich zurollen.
Na, Helenchen, schlafmer schonn widder?
Ja, sie hat geschlafen. Der Zivi hat sie dabei erwischt, ist auf dem Heimweg und grüßt halbwegs freundlich. Eine halbe Stunde ist vergangen, seit sie ihr Zimmer verließ. Kein Stehvermögen, hätte sie früher gesagt. Wenn sie es heute sagte, käme der Doppelsinn auf allen vieren von hinten herangekrochen und kappte das Lachen.

Wollte sie nicht schauen, was sie noch kennt? Was sie nicht kennt, schiebt sich eher zwischen den hohen Bäumen hervor: die Krankenhauskirche. Früher eine Ruine, ist sie nun, restauriert, Ort für Gottesdienste und Konzerte. Sie rollt hinein, tiefes Blau: Ein naives Himmelchen mit Sternen wölbt sich über den Altar.
Mit Matthes stand sie nicht vorm Altar. Sie hatten in Henrichshorst geheiratet. Genau dort, wo er kurz zuvor eine Wandzeitung ans Rathaus gepinnt und ihren »Ausreiseantrag« nach China publik gemacht hatte. Es war 1984 , man hatte ihnen keine Wohnung geben wollen. Ihm als Ehebrecher und ihr als Schlampe mit sozialen Bastarden zeigte man, was eine sozialistische Harke war. Zwei Wohnheimzimmerchen bewohnten sie, jedes hatte zwölf Quadratmeter. Der fünfjährige Bengt und Billy in dem einen. Im anderen Matthes und sie, mit dickem Lissybauch. Gemeinschaftsküche, Gemeinschaftsbad im Keller, Gemeinschaftsklo. Die Liege im

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