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Dunkle Flut

Dunkle Flut

Titel: Dunkle Flut Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Paul S. Kemp
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mit einem Energiestoß zurück, der ihm ein Keuchen entlockte.
    Der Iterant machte einen Schritt und noch einen, unbeholfen auf Gliedmaßen, die sein Gewicht noch nie zuvor getragen hatten. Der Klontank benutzte Elektroimpulse, um Muskelwachstum und -entwicklung zu stimulieren, aber er wusste, dass es besser war, bei seinen ersten Schritten Vorsicht walten zu lassen.
    Hinter dem Umbaraner glitt die Tür der kleinen Kammer auf, und zwei Gestalten mit Kapuzenmänteln marschierten herein. Beide überragten nicht nur den Umbaraner, sondern auch den Iteranten, und beide hielten Elektrostäbe in ihren Händen. Ihre roten Hände wiesen Schuppen und schwarze Krallen auf. Die Kapuzen und das matte Licht verbargen ihre Gesichter, doch der Iterant erhaschte einen flüchtigen Eindruck von geschuppten Brauenkämmen über reptilienhaften Augen.
    »Syll wartet an Bord meines Schiffs auf ihn«, sagte der Umbaraner zu ihnen. »Schafft ihn an Bord und versetzt ihn in Stasis.«
    »Ja, mein Lord«, entgegneten die beiden, ihre Stimmen tief und guttural.
    »Stasis?«, fragte der Iterant. »Aber ich bin gerade erst …« Er suchte nach dem richtigen Wort. »… aufgewacht.«
    »Ich musste sichergehen, dass du dem Schock des Erwachens und der ersten Erinnerungsübertragung gewachsen bist.«
    »Der ersten? Und wenn ich dabei gestorben wäre?«
    Der Umbaraner zuckte die Schulter. »Dann hätte ich einen anderen verwendet.«
    »Einen anderen?«
    »Bringt ihn an Bord«, sagte der Mann zu den Wachen.
    Als die Wachen ihn fortbrachten, fragte er über die Schulter: »Warum habt Ihr mich geweckt? Was soll ich tun?«
    »Noch nichts. Du begleitest uns einfach auf unserer Reise, bis ich dich brauche.«
    »Bis Ihr mich für was braucht?«
    »Bis ich dich dafür brauche zu iterieren«, sagte der Umbaraner, und der Iterant malte sich den dünnen Strich eines selbstgefälligen Lächelns aus, das sich quer über das blasse Gesicht des Umbaraners zog.
    Soldat verspürte ein sonderbares Gefühl der Einsamkeit, ein merkwürdiges Gefühl der Andersartigkeit. In ihm tat sich eine Kluft auf, die wuchs, während sich das gestohlene Schiff mit hoher Geschwindigkeit weiter vom Mond entfernte.
    Der Mond war sein Geburtsort gewesen, der Ort, an dem er sein gesamtes Leben verbracht hatte. Der Ort, den er schon vor langer Zeit zu hassen gelernt hatte, der aber nichtsdestotrotz sein Zuhause war.
    Er hatte das Gefühl, als sei sein Leben bis zu diesem Moment das Davor gewesen, und dass er gerade das Danach in Angriff genommen hatte. Allerdings kam ihm das Danach beunruhigend riesig vor. Mit einem Mal im grenzenlosen Weltraum treibend, mit grenzenlosen Möglichkeiten, fühlte er sich so, wie er es immer getan hatte, wenn er in einem von Dr. Grüns Sinnesdeprivationstanks trieb – allein, losgelöst von sich selbst, ein winziges Schiff, das auf der Oberfläche eines grenzenlosen Ozeans auf und ab hüpfte.
    Der eisige namenlose Mond mit seiner Klonfabrik war jahrzehntelang das Zuhause der Gemeinschaft gewesen. Er und die anderen Klone waren Versuchsobjekte imperialer Wissenschaftler gewesen. Sie lebten in Käfigen aus Transparistahl, ihr Dasein eine endlose Reihe von Tests, Fragen, Nadeln, Training.
    Es war grässlich gewesen, aber zumindest hatten sie eine Struktur gehabt, einen Zweck. Jetzt hatten sie keins von beidem.
    Die Wissenschaftler wollten einen einzigartigen Machtnutzer klonen, und in gewisser Weise hatten sie Erfolg gehabt. Doch ihr Erfolg war ihr Verderben gewesen. Die Gemeinschaft hatte ihre Freiheit durch Mord erlangt, indem sie alle anderen in der Anlage getötet und sie Mutter geopfert hatten.
    Nun folgten sie Seherins Versprechungen ins Dunkel des Weltalls. Und wohin würden sie fliegen? Zuerst nach Fhost. Dann zu Mutter.
    Vielleicht waren Soldats Möglichkeiten doch nicht so grenzenlos, wie er angenommen hatte. Vielleicht hatte er früher einen größeren Zweck, mehr Struktur gehabt, als ihm bewusst gewesen war.
    Die Displays zeigten, dass das Schiff die Gravitationsquellen hinter sich gelassen hatte. Soldat ließ den Blick ein letztes Mal über das System schweifen, über den fernen roten Stern, über die Gasriesen.
    Seherin betrat das Cockpit und schmiegte ihren schlanken Körper in den Kopilotensessel. »Das Universum ist groß, und du fühlst dich allein«, sagte sie.
    Soldat versuchte, seine Überraschung zu verbergen. Seherin hatte seine Gedanken treffend zum Ausdruck gebracht.
    »Du brauchst nicht allein zu sein, Soldat. Du sonderst dich von uns

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