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Ein allzu schönes Mädchen

Titel: Ein allzu schönes Mädchen Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Jan Seghers
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Gedanke, dort herumzusitzen und zu warten, bis Herrmann seinen sinnlosen
     Einsatz beendet hatte, machte ihn nervös. Sie hatten durch diese Aktion wahrscheinlich viel Zeit verloren. Und noch immer
     hatte sich niemand um die Angehörigen des toten Jochen Hielscher gekümmert.
    Er rief Elvira an und bat sie, ihm einen Wagen zu schicken.
    «Und bitte schau mal im Computer nach, was wir über |242| Hielscher haben. Wenn es stimmt, was Jörg Gessner gesagt hat, ist er erst kürzlich aus dem Gefängnis entlassen worden. Vor
     allem möchte ich wissen, wo er zuletzt gewohnt hat. Ich melde mich im Laufe des Nachmittags wieder.»
    Fünf Minuten später hielt das Polizeiauto neben ihm am Fahrbahnrand. Marthaler bat den Fahrer, ihn zu der Adresse aus Herbert
     Webers Akte zu bringen.
    Das Haus lag in einer kleinen Seitenstraße im nördlichen Westend. Es war ein herrschaftliches Mietshaus aus der Zeit um die
     vorige Jahrhundertwende. Über den breiten Plattenweg, der durch einen gepflegten Vorgarten führte, erreichte Marthaler die
     mit großzügigen Schnitzereien versehene Eingangstür. Auf dem untersten Klingelschild standen zwei Namen, einer in großen Buchstaben
     und darunter, wesentlich kleiner, der Name des Wachmanns. Es wurde sofort geöffnet.
    Eine alte, sehr streng wirkende Dame erwartete ihn.
    «Sie sind Polizist?», sagte sie. Und als sie Marthalers Verblüffung bemerkte: «Ich habe Sie aus dem Wagen steigen sehen. Wie
     kann ich Ihnen helfen?»
    «Es geht um Herrn Weber. Sind Sie eine Verwandte?»
    Aus dem Inneren der Wohnung war Vogelgezwitscher zu hören.
    «Nein. Herbert Weber bewohnt bei mir ein Zimmer.»
    Marthaler erklärte, um was es ging. Er versicherte der Frau, dass sich ihr Untermieter nichts habe zuschulden kommen lassen,
     dass er nur als Zeuge in einem wichtigen Ermittlungsverfahren gehört werden müsse. Die Frau bat ihn, an der Wohnungstür zu
     warten. Wenig später kam sie zurück und reichte ihm einen Zettel, auf dem die Adresse und Telefonnummer einer Kurklinik in
     Bad Nauheim standen. Wenigstens das, dachte Marthaler, wenigstens ein Ort in der Nähe und nicht irgendwo im Allgäu oder an
     der Ostsee. Er bedankte sich bei der alten Dame und verließ das Haus.
    |243| Wieder im Wagen, wählte er die Nummer der Klinik. Von der Telefonistin ließ er sich mit dem Zimmer Herbert Webers verbinden.
     Er hatte Glück. Nach dreimaligem Klingeln wurde abgenommen.
    «Spreche ich mit dem Wachmann Herbert Weber?»
    «Ja.»
    Die Stimme am anderen Ende klang müde. Marthaler entschuldigte sich für die Störung und erklärte, worum es ging. Dann stellte
     er seine Frage: «Als Sie am Morgen des 8.   August die Villa der Familie Brandstätter auf dem Frankfurter Lerchesberg kontrolliert haben, ist Ihnen da etwas Ungewöhnliches
     aufgefallen?»
    Einen Moment lang war es still in der Leitung.
    «Nein», sagte Herbert Weber dann. Seine Stimme klang plötzlich eine Spur zu entschlossen. «Was sollte mir denn aufgefallen
     sein?»
    Er lügt, dachte Marthaler.
    «Sind Sie sicher?», fragte er noch einmal nach.
    Der Mann blieb bei seiner Aussage.
    Marthaler bedankte sich und beendete das Gespräch. Er war sich sicher, dass Weber nicht die Wahrheit gesagt hatte. Er ärgerte
     sich, überhaupt angerufen zu haben. Wieder einmal hatte sich seine Erfahrung bestätigt, dass telefonische Ermittlungen in
     den meisten Fällen nichts wert waren. Es gab nur eine Möglichkeit, er musste den kranken Wachmann von Angesicht zu Angesicht
     befragen.
    «Wir fahren nach Bad Nauheim», sagte Marthaler zu dem Kollegen am Steuer des Polizeiwagens. «Jetzt, sofort.»
    Sie fuhren über die Autobahn Richtung Norden. Der Feierabendverkehr hatte schon eingesetzt.
     
    Sie brauchten fast eine Stunde, bis sie endlich die Ausfahrt erreicht hatten. Im Zentrum von Bad Nauheim fragten sie die |244| Besatzung eines örtlichen Streifenwagens nach dem Weg. Die Kurklinik lag etwas außerhalb des Ortes auf einer Anhöhe. Das Gebäude
     war ein riesiger, achtstöckiger Plattenbau. Wahrscheinlich hatte es sich einmal um ein modernes Sanatorium gehandelt. Das
     allerdings war offensichtlich lange her. Die farbig gestalteten Außenwände waren verblasst, und der Regen hatte lange, schmutzige
     Schlieren auf ihnen hinterlassen. Marthaler legte den Kopf in den Nacken und schaute hoch bis zu dem Flachdach. Er fragte
     sich, wie man sich in einem solchen Haus erholen konnte. Wenn man vorher keine Depressionen gehabt hatte, hier würde man sie
    

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