Elben Drachen Schatten
standen. Die Sicherheit des Königs hatte allerhöchste Priorität, und obgleich Keandir kein furchtsamer Mann war und diese Eskorte nur wenige Meilen von seiner Hauptstadt entfernt für völlig übertrieben hielt, hatte der gewissenhafte Prinz Sandrilas darauf bestanden.
»Das Magolasische Reich wird alles tun, um Elbiana zu vernichten, mein König«, sagte Prinz Sandrilas in die Stille hinein, die wieder entstanden war, nachdem Siranodir gesprochen hatte. Der einäugige Elbenprinz lächelte, und sein uraltes, aber auf gewisse Art zeitloses Gesicht bekam dabei harte Konturen. »Ihr solltet Euch dieser Tatsache stellen.«
»Aber was auch immer unsere Reiche trennen mag – Magolas ist mein Sohn«, hielt Keandir dem entgegen. »Er wird kein Attentat auf seinen eigenen Vater befehlen, davon bin ich überzeugt!«
»Ich glaube, da schätzt Ihr die Lage nicht richtig ein, mein König.«
»So?«
»Magolas steht im Bann einer dunklen Magie«, stellte Sandrilas fest. »Wer mag schon wissen, in wiefern er tatsächlich noch Herr seiner Entscheidungen ist oder nur das Werkzeug einer finsteren Macht. Xaror will sein dunkles Reich erneut errichten, so wie es in seiner morbiden Pracht wohl vor langer Zeit bereits existiert hat. Da er aber bisher nicht in dieser Welt agieren kann, missbraucht er Magolas als seinen Helfershelfer.«
Insgeheim gab Keandir seinem Mentor ja recht, aber der König der Elben weigerte sich einfach, das Offensichtliche zu akzeptieren. Obwohl die Nachrichten, die Keandir aus Aratan erhielt, eigentlich keine Zweifel ließen. Die Heilerin Nathranwen war vor einiger Zeit aus Magolas’ Hauptstadt Aratania zurückgekehrt, wo sie in den Diensten des Großkönigs gestanden hatte. Über das neutrale Reich des Seekönigs von Ashkor und Terdos hatte sie sich einschiffen müssen, da es schon seit Längerem keine direkten Schiffsverbindungen mehr zwischen den Häfen der Rhagar und dem Elbenreich gab. Nathranwen hatte Larana bei der Geburt ihrer Zwillinge geholfen, aber schon recht bald war ihr der Kontakt zu den Säuglingen verwehrt worden. Man fürchtete offenbar ihren Einfluss auf die Enkel König Keandirs und hatte Nathranwen fortgeschickt.
Von düsteren Ritualen hatte sie berichtet, an denen die Kinder teilnehmen mussten – und davon, dass die Menschenfrau Larana offenbar von der Einnahme eines magischen Tranks abhängig war, der ihr Leben verlängerte. Keandir erfasste kalter Grimm, wenn er daran dachte. Offenbar war Magolas dazu bereit, alles zu opfern - selbst seine Kinder -, um seiner geliebten Gemahlin Larana ein Leben über das von den Namenlosen Göttern gesetzte Zeitmaß hinaus zu ermöglichen.
Erneut ließ ein fernes Krächzen den Elbenkönig aufhorchen. Wieder umfasste er den Beutel mit den Elbensteinen und fühlte einen angenehmen Strom der Kraft, der von ihnen ausging und seinen gesamten Körper durchflutete.
Kurz danach nahmen alle Reiter des Elbentrupps die krächzenden Laute wahr – abgesehen von Siranodir mit den zwei Schwertern, der etwas verwirrt dreinblickte. Er würde sich nie daran gewöhnen, allenfalls noch über das Hörvermögen eines Menschen zu verfügen, und es war ihm kein Trost, dass Gesinderis, der größte Komponist der elbischen Geschichte, tatsächlich völlig taub gewesen war.
Er drehte sich im Sattel um und erkannte, dass bis auf ihn sämtliche Elben des Trupps etwas gehört haben mussten; sie wirkten angespannt und lauschten. Nach dem teilweisen Verlust des Gehörs hatten sich Siranodirs andere Sinne zwar leicht geschärft, doch das konnte seine Beeinträchtigung nicht ausgleichen. Er sog die kühle, klare Bergluft durch seine Nasenlöcher ein, aber da war nichts Auffälliges zu riechen. Mit den Augen suchte er die Ränder der Schlucht ab und entdeckte ebenfalls nichts.
»Das muss das Krächzen eines Raben gewesen sein, der hinter einem dieser Berge seine Kreise zieht«, sagte Prinz Sandrilas, und doch ließ er die Hand am Schwertgriff.
»Das Krächzen eines Raben?«, mischte sich Hauptmann Rhiagon ein und schüttelte den Kopf. »Das ist ein ganzer Schwarm, mindestens hundert!«
»Wenn es nur Raben wären«, murmelte König Keandir. Da war noch etwas anderes, das seine sensiblen Sinne auffingen. Eine Aura von Finsternis und Tod. König Keandir konzentrierte sich darauf und nahm sie in aller Deutlichkeit wahr. Eine Aura der Magie!, durchfuhr es ihn, dann sah er den Rabenschwarm hinter einem der nahen Gipfel auftauchen.
Die Pferde der Elben wurden unruhig; sie
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