Erzaehlungen
unsäglich Geliebten, über deren verwesenden Leib die Wogen des Meeres rannen. Und als er auf dem Boden lag und etwas Dunkles über ihn sich beugte, ihn umschloß, ihn nicht mehr lassen wollte, fühlte er selig, daß er, ein Entsühnter, für sie, zu ihr ins Nichts entschwand, nach dem er sich lange gesehnt hatte.
Arthur Schnitzler
Die dreifache Warnung
Im Duft des Morgens, umstrahlt von Himmelsbläue, wanderte ein Jüngling den winkenden Bergen zu und fühlte sein frohes Herz mit allen Pulsen der Welt in gleicher Welle schlagen. Unbedroht und frei trug ihn sein Weg viele Stunden lang über das offene Land, bis mit einem Male, an eines Waldes Eingang, rings um ihn, nah und fern zugleich, unbegreiflich, eine Stimme klang: »Geh nicht durch diesen Wald Jüngling, es sei denn, du wolltest einen Mord begehen.« Betroffen blieb der Jüngling stehen, blickte nach allen Seiten, und da nirgends ein lebendiges Wesen zu entdecken war, erkannte er, daß ein Geist zu ihm gesprochen hatte. Seine Kühnheit aber lehnte sich auf, so dunklem Zuruf gehorsam zu sein, und, den Gang nur wenig mäßigend, schritt er unbeirrt vorwärts, doch mit angespannten Sinnen, den unbekannten Feind rechtzeitig zu erspähen, den ihm jene Warnung verkündigen mochte. Niemand begegnete ihm, kein verdächtiges Geräusch ward vernehmbar, und unangefochten trat der Jüngling bald aus den schweren Schatten der Bäume ins Freie. Unter den letzten breiten Ästen ließ er zu kürzer Rast sich nieder und sendete den Blick über eine weite Wiese hin, den Bergen zu, aus denen schon mit strengem Umriß ein starrer Gipfel als letztes hohes Ziel sich aufrichtete. Kaum aber hatte der Jüngling sich wieder erhoben, als sich zum zweitenmal die unbegreifliche Stimme vernehmen ließ, rings um ihn, zugleich nah und fern, doch beschwörender als das erstemal: »Geh nicht über diese Wiese, Jüngling, es sei denn, du wolltest Verderben bringen über dein Vaterland.« Auch dieser neuen Warnung zu achten, verbot dem Jüngling sein Stolz, ja, er lächelte des leeren Wortschwalls, der geheimnisvollen Sinnes sich brüsten wollte, und eilte vorwärts, im Innern ungewiß, ob Ungeduld oder Unruhe ihm den Schritt beflügelte. Feuchte Abendnebel dunsteten in der Ebene, als er endlich der Felswand gegenüberstand, die zu bezwingen er sich vorgenommen. Doch kaum hatte er den Fuß auf das kahle Gestein gesetzt, so tönte es, unbegreiflich, nah und fern zugleich, drohender als zuvor um ihn: »Nicht weiter, Jüngling, es sei denn, du wolltest den Tod erleiden.« Nun sandte der Jüngling ein überlautes Lachen in die Lüfte und setzte ohne Zögern und ohne Hast seine Wanderung fort. Je schwindelnder ihn der Pfad emportrug, um so freier fühlte er seine Brust sich weiten, und auf der kühn erklommenen Spitze umglühte der letzte Glanz des Tages sein Haupt. »Hier bin ich!« rief er mit erlöster Stimme. »War dies eine Prüfung, guter oder böser Geist, so hab' ich sie bestanden. Kein Mord belastet meine Seele, ungekränkt in der Tiefe schlummert mir die geliebte Heimat, und ich lebe. Und wer du auch sein magst, ich bin stärker als du, denn ich habe dir nicht geglaubt und tat recht daran.«
Da rollte es wie Ungewitter von den fernsten Wänden und immer näher heran: »Jüngling, du irrst!« und die Donnergewalt der Worte warf den Wanderer nieder.
Der aber streckte sich auf den schmalen Grat der Länge nach hin, als wäre es eben seine Absicht gewesen, hier auszuruhen, und mit spöttischem Zucken der Mundwinkel sprach er wie vor sich hin: »So hätt' ich wirklich einen Mord begangen und hab' es gar nicht gemerkt?«
Und es brauste um ihn: »Dein achtloser Schritt hat einen Wurm zertreten.«
Gleichgütig erwiderte der Jüngling: »Also weder ein guter noch ein böser Geist sprach zu mir, sondern ein witziger Geist. Ich habe nicht gewußt, daß auch derlei um uns Sterbliche in den Lüften schwebt.«
Da grollte es rings im fahlen Dämmerschein der Höhe: »So bist du derselbe nicht mehr, der heut' morgens sein Herz mit allen Pulsen der Welt in gleicher Welle schlagen fühlte, daß dir ein Leben gering erscheint, von dessen Lust und Grauen kein Wissen in deine taube Seele dringt?«
»Ist es so gemeint?« entgegnete der Jüngling stirnrunzelnd, »so bin ich hundert- und tausendfach schuldig, wie andere Sterbliche auch, deren achtloser Schritt unzähliges kleines Getier immer und immer wieder ohne böse Absicht vernichtet.«
»Um des einen willen aber warst du gewarnt. Weißt du, wozu
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