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Erzaehlungen

Erzaehlungen

Titel: Erzaehlungen Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Arthur Schnitzler
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wie es kam, dann mußt' ich den Wald durchschreiten, um einen Mord zu begehen, mußte über diese Wiese wandern, um mein Vaterland zu verderben, mußte den Felsen erklimmen, um meinen Untergang zu finden – deiner Warnung zum Trotz. Warum also war ich verurteilt, sie zu hören, dreimal, die mir doch nichts nützen durfte? Mußte auch dies sein? Und warum, o Hohn über allem Hohn, muß ich noch im letzten Augenblick mein ohnmächtiges Warum dir entgegenwimmern?«
    Da war dem Jüngling, als fliehe an den Rändern des unsichtbaren Himmels, von ungeheurer Antwort schwer und ernst, ein unbegreifliches Lachen hin. Doch wie er versuchte, ins Weite zu horchen, wankte und glitt der Boden unter seinem Fuß; und schon stürzte er hinab, tiefer als Millionen Abgründe tief- in ein Dunkel, darin alle Nächte lauerten, die gekommen sind und kommen werden vom Anbeginn bis zum Ende der Welten.

Arthur Schnitzler
Die Hirtenflöte

I
    Ein Mann aus wohlhabender Familie, der sich als Jüngling in städtischer und ländlicher Gesellschaft vielfach umgetan und allerlei Wissenschaften und Künste als Liebhaber betrieben hatte, unternahm in reiferen Jahren Reisen in ferne Lande und kehrte erst mit ergrauenden Haaren in die Heimat wieder. In stiller Gegend am Waldesrand baute er sich ein Haus mit dem Ausblick nach der weiten Ebene und nahm die anmutige eben erst verwaiste Tochter eines Landwirts zur Frau. Eltern und Verwandte waren ihm längst gestorben, zu den Freunden von einst fühlte er sich nicht hingezogen, neue zu gewinnen lockte ihn wenig; und so gab er sich in dieser beinahe stets von einem blauen Himmel überhellten Landschaft der von ihm besonders geliebten Kunde vom Lauf der Sterne hin.
    Einmal in einer schwülen Nacht, da Erasmus wie gewöhnlich im Turm seiner Beschäftigung nachgehangen, erhob sich Dunst aus den feuchten Wiesen und trübte allmählich jede Aussicht nach den himmlischen Fernen. Erasmus schritt die Treppe hinab; und früher als er es in klaren Nächten zu tun pflegte, betrat er das eheliche Gemach, wo er seine Gattin schon schlafend fand. Ohne sie zu wecken, ließ er den Blick lange auf ihr weilen, und obgleich ihre Lider geschlossen und ihre Züge ohne Regung blieben, betrachtete er sie mit angespannter stetig wachsender Aufmerksamkeit, als müßte er in dieser Stunde hinter der friedlich glatten Stirn das Treiben von Gedanken erkunden, die ihm bisher verborgen geblieben waren. Endlich löschte er das Licht, setzte sich auf einen Lehnstuhl am Fußende des Bettes hin, und im Schweigen der Nacht überließ er sich einem völlig ungewohnten Sinnen über das Wesen, mit dem er seit drei Jahren in ruhig unbekümmerter Ehe verbunden, und das ihm heute zum erstenmal wie eine Unbekannte erschienen war. Erst als das hohe Fenster vom aufsteigenden Frühlicht zu erschimmern begann, erhob er sich und wartete dann geduldig, bis unter seinem Blick Dionysia tief Atem holte, sich dehnte, die Augen aufschlug und ihn mit heiterem Morgenlächeln begrüßte. Da sie ihn aber mit so ungerührtem Ernste am Fußende des Bettes stehen sah, fragte sie verwundert und vorerst im scherzenden Ton: »Was ist dir denn begegnet, mein Erasmus? Hast du dich heute nacht auf dem Himmel nicht zurecht gefunden? Gab es der Wolken zu viele? Oder entlief dir irgendein Stern in die Unendlichkeit, aus der du ihn selbst mit deinem neuen vortrefflichen Fernrohr nicht mehr zurückzuholen vermochtest?« Erasmus blieb stumm.
    Dionysia richtete sich ein wenig auf, sah ihren Gatten forschend an und fragte weiter: »Warum antwortest du nicht? Ist dir etwas Übles widerfahren? Fühlst du dich krank? Oder sollte ich dich am Ende gar gekränkt haben ohne mein Wissen? Das muß ich wohl am ehesten vermuten. Denn über jede andere Unbill dich zu beruhigen oder zu trösten wäre ich ja selber da, und du bliebst mir nicht so lange die Antwort schuldig.«
    Nun endlich entschloß sich Erasmus zu sprechen. »Von dir, Dionysia,« begann er, »kann mir diesmal freilich weder Beruhigung noch Trost kommen, denn mein nachdenkliches Wesen rührt eben daher, daß ich viele Stunden lang über dich nachgesonnen und mir zu gleicher Zeit bewußt ward, daß ich es bis zu dieser Nacht niemals getan hatte!«
    Dionysia, auf ihre Polster gestützt, lächelte. »Und weißt du nun anders oder besser als früher, daß du eine zärtliche, treue und glückliche Frau dein eigen nennst?«
    »Es ist wohl möglich,« entgegnete Erasmus trüb, »daß du das wirklich bist; das Schlimme ist nur, daß

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