Fitz der Weitseher 03 - Der Nachtmagier
auf und legte ihn an. Es war ein gutes Gefühl, das Gewicht der Waffe an der Seite zu spüren. Ich zog die Klinge heraus und prüfte sie im Licht des Feuers. Sicher kein Meisterstück der Schmiedekunst, aber brauchbar und solide.
»Wo hast du das her?«, fragte Melisma mit zitternder Stimme.
»Von dem dritten Entfremdeten, oben ihm Wald«, antwortete ich kurz und schob es zurück in die Scheide.
»Wovon redet ihr?«, wollte Harfner Josh wissen.
»Von einem Schwert.«
Josh wandte mir seine milchigen Augen zu. »Da war ein dritter Mann im Wald, mit einem Schwert?«
»Ja.«
»Und du hast es ihm weggenommen und ihn getötet?«
»Ja.«
Er atmete schnaufend ein und nickte. »Als wir uns begrüßten, merkte ich sofort, das war nicht die Hand eines Schreibers, die ich drückte. Vom Halten einer Feder bekommt man nicht solche Schwielen und nicht einen solchen Griff. Du siehst, Imme, er ist nicht weggelaufen, er ist nur...«
»Es wäre gescheiter gewesen, erst uns zu helfen«, beharrte sie eigensinnig.
Ich schnürte mein Bündel auf, schüttelte meine Decke aus und legte mich hin. Ich hatte Hunger, aber daran ließ sich nichts ändern, und gegen meine bleierne Müdigkeit hatte ich ohnehin kein Mittel.
»Willst du jetzt schlafen?«, fragte Melisma. Die Angst überwand die von den beruhigenden Kräutern verursachte Benommenheit und spiegelte sich auf ihrem Gesicht.
»Ja.«
»Und wenn noch mehr Entfremdete kommen?«
»Dann bleibt es Imme überlassen, sie je nach Laune und nacheinander zu töten«, antwortete ich sarkastisch. Ich rückte mich zurecht, bis ich das Schwert griffbereit hatte, ohne dass es mich drückte, und schloss die Augen. Ich bemerkte, wie Imme langsam aufstand und begann, für die anderen das Bettzeug bereitzulegen.
»Cob?«, fragte Josh leise. »Hast du etwas von dem Geld für dich behalten?«
»Ich glaube nicht, dass ich in nächster Zeit Geld brauchen werde.« Ich verschwieg ihm, dass mir die Lust auf menschliche Gesellschaft vorläufig vergangen war. Ich hatte keine Lust, ständig etwas erklären oder mein Tun rechtfertigen zu müssen. Auf menschliche Anteilnahme konnte ich bis auf weiteres verzichten.
Halb schlafend spürte ich hinaus zu Nachtauge. Er war wie ich hungrig, hatte sich aber entschlossen, lieber zu ruhen. Morgen Abend bin ich wieder frei und ungebunden, und wir können wieder zusammen jagen, versprach ich ihm. Er seufzte zufrieden, und ich erkannte, dass er gar nicht so weit von uns entfernt war. Gerade jetzt legte er den Kopf auf die Vorderpfoten.
Ich war ausgebrannter, als ich gedacht hatte. Meine Gedanken machten sich selbstständig und zerstreuten sich. Ich ließ alles fahren und trieb davon, weg von den peinigenden Schmerzen an meinem Körper. Molly, dachte ich sehnsüchtig. Molly. Aber ich fand sie nicht. Irgendwo schlief Burrich auf einer Pritsche vor einem Herdfeuer. Ich sah ihn, und es war beinahe, als berührte ich ihn mit der Gabe, aber ich konnte diese Vision nicht festhalten. Der Feuerschein beleuchtete seine Gesichtszüge, er war dünner geworden und braungebrannt von der stundenlangen Arbeit auf dem Feld. Doch dann entfernte ich mich langsam wieder und schwebte von ihm hinweg. Die Gabenströme schlugen gegen mein Bewusstsein; doch ich vermochte sie nicht zu fassen und zu lenken.
Als meine Träume Philia streiften, war ich bestürzt, sie in einem Privatgemach mit Lord Vigilant zu finden. Er wirkte wie ein in die Enge getriebenes Tier. Philia war offenbar bei ihm eingedrungen, und eine junge Edelfrau in einem wunderschönen Gewand war darüber augenscheinlich ebenso konsterniert wie er. Philia war mit einer Karte bewaffnet und überschüttete die beiden mit einem Redeschwall, während sie ein Tablett mit Wein und Konfekt zur Seite schob, um das Pergament auf dem Tisch ausbreiten zu können. »Ich habe Euch beobachtet, Lord Vigilant, und ich hatte weder den Eindruck, dass Ihr dumm noch dass Ihr feige seid. Daher muss ich annehmen, dass Ihr einfach unwissend seid. Dieser Zustand sollte nicht länger andauern. Wie Ihr auf dieser von dem verstorbenen Prinzen Veritas angefertigten Karte sehen könnt, ist, wenn Ihr nicht schon sehr bald handelt, die Küste des Herzogtums Bock in ihrer gesamten Ausdehnung der Willkür der Roten Schiffe ausgeliefert. Und sie kennen keine Gnade.« Sie hob ihr Gesicht mit ihren durchdringenden, haselnussbraunen Augen und schaute ihn dabei an, wie sie mich früher anzuschauen pflegte, wenn sie sofortigen Gehorsam erwartete. Fast tat er mir
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