Flucht nach Faerie - Beil, J: Talisman-Kriege 1 - Flucht nach Faerie
ein guter Spielmann war, denn wohin ich auch ging, wurde ich wohlwollend aufgenommen. Allerdings war es mir wie meinem Vater misslungen, die hohen Herren und Damen auf mich aufmerksam zu machen. Ich hatte noch viel zu lernen, wenn ich je ein wahrer Barde werden wollte.«
Landyn schüttelte den Kopf und seufzte. In seine Augen trat ein abwesender Blick, als er fortfuhr. »Und so kehrte ich nach Freiboll zurück, um mein Handwerk dort auszuüben. Dann, eines Tages, sah zufällig ein Mann namens Nerid meinen Auftritt im
Koboldfuß
. Danach kam er zu mir und teilte mir mit, wie beeindruckt er sei. Er ist der oberste Diener am Hof von Fürst Penndryn, der unlängst zum Herrscher von Freiboll aufgestiegen ist. Nerid lud mich ein, am Hof zu spielen. Damit hatte ich meinen Vater übertrumpft: Ich sollte vor dem Adel auftreten.
In der Woche darauf bestritt ich mit zahlreichen anderen Unterhaltern einen prunkvollen Ball, der im Schloss Freiboll veranstaltet wurde. Fürst Penndryn und Fürstin Shanna sowie etliche andere Adelige waren anwesend. Ich kam gut an, besonders bei Fürstin Shanna, und von allen Unterhaltern wurden nur ich und zwei andere aufgefordert, noch einmal zu Auftritten in kleinerem Rahmen zurückzukehren. Ich war überzeugt, dass ich bald zum offiziellen Barden von Freiboll ernannt werden würde.
Leider sollte es nicht sein. Wenngleich mein Können auf der Laute überragend ist und meine gefühlvolle Stimme die kältesten Maiden zum Schmelzen bringt, sind meine eigenen Werke kaum besser als die meines Vaters. Ein Mann namens Erik Valase wurde mir vorgezogen. Ich muss zugeben, dass seine Reime eher als meine an Größen wie Ottis Brachnitter heranreichen, aber mit seiner rauen Stimme und seinem kümmerlichen Lautespiel hätte man ihm den Rang nie anbieten dürfen. Aber seither ist viel Wasser unter der Brücke hindurchgeflossen, wie man so schön sagt. Erik ist immer noch Hofbarde, trotzdem werde ich mittlerweile ebenfalls zu den meisten förmlichen Anlässen eingeladen. Viele dieser Angebote lehne ich ab, denn ich habe meinen Rang lieb gewonnen. Das gemeine Volk ist eine wesentlich dankbarere Zuhörerschaft als der Adel, dem es stets mehr um hehre Vorlieben denn um Kunst geht.
Die Jahre vergingen, und während Erik Hofbarde blieb, betrachtete man mich als den offiziellen Spielmann der Stadt. Ich trat jeden Abend im
Koboldfuß
auf, der größten Herberge von Freiboll und einer der größten von ganz Tyridan. Jeden Abend herrschte dichtes Gedränge, da die Leute aus der gesamten Stadt und der umliegenden Gegend kamen, um mich zu sehen. Ich blieb zwar so bescheiden wie möglich, trotzdem erfüllte mich dieser Umstand mit einer gewissen Selbstsicherheit, die ich sonst nicht gehabt hätte. Und dann, vor etwa zehn Jahren, begegnete ich am Höhepunkt meiner Beliebtheit Jessina.
Ah, die liebliche Jessina d’Evanwing. Sie war eine Kleinadelige auf Besuch aus Valaria, aber gänzlich anders als sonstige Fürstinnen, die ich kannte; sie hatte sich eine Bescheidenheit und Umgänglichkeit bewahrt, die man sonst nur bei Frauen geringeren Standes antrifft. Ich glaube, ich habe mich im ersten Augenblick in sie verliebt, in dem sie mich ansprach. Und als sie sang, erschien es mir, als erschalle ihre Stimme aus dem Himmel, stiege zwischen den Wolken auf, striche über die Berggipfel und ergösse sich vereinzelt über eine sanfte, grüne Weide. Sie und ich wurden ein Gespann, und wir traten zusammen vor dem gemeinen Volk, dem Adel und sogar vor Mitgliedern des Königshauses auf. Unsere Laufbahnen wuchsen so zusammen wie unsere Liebe, und Erik, den Barden, vergaß ich darüber fast völlig.
Aufgrund meiner mangelnden Fähigkeiten beim Verfassen von Gedichten und Liedern weigerte sich Fürst Penndryn, mich zum Barden zu ernennen. Ich glaube, es hatte viel mit Nerid zu tun, der großen Einfluss auf den Fürst hatte und hat – und sich diesem Erik Valase offenbar in irgendeiner Weise verbunden fühlt. Aber ich habe mich fortgebildet und wähne mich mittlerweile in der Lage, große Geschichten in den hochtrabenden Versen der alten Barden zu ersinnen. Allerdings hat mich mein Ehrgeiz viel gekostet. Ich fürchte, in meinem Bestreben, ein Meister meiner Kunst zu werden, habe ich die arme Jessina vernachlässigt. Unlängst hat sie mich verlassen, um nach Valaria zurückzukehren, wo sie Gerüchten zufolge Vorstellungen für den König und die Königin von Tyridan gibt.«
Kurz verschwamm Landyns Blick, und ein Schatten der Trauer
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