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Gesammelte Werke

Titel: Gesammelte Werke Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: W. Theodor Adorno
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übereinzustimmen, daß das »innige Verhältnis« zu einem Kulturgebiet nur durch »akademische, jahrelange Ausbildung gewonnen werden« kann. So sehr ich die Ansicht teile, daß die für die Massenmedien Verantwortlichen im Ernst etwas von Soziologie verstehen sollten, so wenig dürfen wir uns doch darauf verlassen, es qualifiziere das Privileg des Studiums zulänglich zur Arbeit in einem Bereich, in dem alles auf Spontaneität, Phantasie und Resistenzkraft ankommt. Die Gefahr liegt gerade beim Primat der Verwaltung. Typen, die es vorweg zur Apparatur hinzieht, würden sich vermutlich besonders unter Spezialisten finden, die in Fernsehseminaren präpariert werden. Man braucht sich nur vorzustellen, was geschähe, wenn man das Komponieren und die Musikpflege ans Studium der Musikwissenschaft binden wollte. Nicht zuletzt sollten zumal die Soziologen sich hüten, aus den vorfindlichen Bedingungen des Massenkonsums, die man freilich kennen muß, eilfertig Regeln für die Produktion abzuleiten. Der Konsum ist keine letzte Gegebenheit, nach der man sich zu richten hätte, sondern in weitem Maße selbst eine Funktion des Gesamtzustandes. Er wäre wahrscheinlich von der Produktionsseite her entscheidend zu verändern, vorausgesetzt, daß man einmal wirklich die Probe aufs Exempel machen könnte.
    Beurmanns Warnung vor der »Gefahr der Abstumpfung, Verdummung und Geschmacksnormung der Phantasie« kann nicht schwer genug genommen werden. Sie dürfte keine Konzession bleiben, die sich gegen ›Auswüchse‹ richtet, sondern müßte auf die Norm zielen und in jedem Augenblick des Produktionsvorganges gegenwärtig sein. Die sozialwissenschaftliche Besinnung über das Fernsehen sollte im Geist jener Warnung sich grundsätzlich und kritisch orientieren und sich nicht beim Registrieren von Meinungen bescheiden.
     
    1954
     
     
Fußnoten
    *
Vgl. Erich Beurmann, Fernseh-Kaleidoskop. Streiflichter aus der Studiopraxis, in: Deutsche Universitätszeitung, 8. Jg., Heft 24, 21. 12. 1953, S. 14f.
     
    **
Vgl. Theodor W. Adorno, Fernsehen als Ideologie, in: Rundfunk und Fernsehen 4 (1953), Heft 4, S. 1ff.; jetzt auch GS 10.2,
s.
S. 518ff.
     
Kann das Publikum wollen?
     
    Lassen Sie mich mit dem Geständnis beginnen, daß ich den formalen Aspekt der Frage »Kann das Publikum wollen?«, Fernsehen überhaupt beeinflussen, für einigermaßen gleichgültig halte. Auf die sogenannte Einbahnstruktur der Massenmedien ist immer wieder hingewiesen worden; man weiß auch, daß das Publikum allerhand Möglichkeiten hat, ihr entgegenzuwirken: Briefe zu schreiben, zu telefonieren, wohl auch selber, mehr oder minder symbolisch, an Sendungen aktiv sich zu beteiligen. All das hält sich in engen Grenzen. Daß von einem oder wenigen Punkten aus Sendungen an Ungezählte ausgestrahlt werden, ebenso wie die administrative Konzentration der Macht der Produzierenden, schränkt einstweilen jedenfalls die Initiative der Fernseher sehr ein. Überdies hat die sogenannte Kommunikationsforschung festgestellt, daß die Briefe an Rundfunk- und Fernsehgesellschaften weder statistisch repräsentativ sind noch dem Gehalt nach allzu gewichtig. Häufig stammen sie von Querulanten, von Leuten, die sich gewohnheitsmäßig entrüsten, vor allem wenn ihnen etwas dargeboten wird, was nicht mit dem übereinstimmt, was sie für ihr eigenes Normalbewußtsein halten, wofern sie nicht gar zu pressure groups mobilisiert werden. Die aber aus dem Publikum herausgeholt werden, um dem Publikum sich zu zeigen, dürften so sehr ausgesiebt werden, daß sie in Wahrheit kaum jene Leute von der anderen Seite der Trennungslinie sind, als welche man sie vorführt. Selbst wenn sie wie die legendäre mythische Hausfrau aussehen, sind sie zu ihrer eigenen Durchschnittlichkeit erst stilisiert; je natürlicher sie sich gebärden, um so peinlicher empfindet man die Stilisation. Gegen derlei Veranstaltungen ist gewiß so wenig Ernstes einzuwenden, wie sie selbst ernst sind. Werden gar, wie ich es jüngst erlebte, irgendwelche Zufallsfiguren in kritischer Absicht herausgegriffen, Typen von befangenem und verstocktem Bewußtsein, so mag das gute Wirkungen haben. Nur soll man all das nicht überschätzen.
    Ich forme also die Frage ein wenig um. Zunächst: kann das Publikum
wollen?
, mit dem Akzent auf dem letzten Wort. Dann: soll es überhaupt wollen? – und das ist nicht zu trennen von der Frage: Was soll es wollen?
    Ob das Publikum überhaupt wollen kann, ist nur gesellschaftlich auszumachen. Im

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