Gesammelte Werke
ihre Zwecke sich bemächtigten. In der gegenwärtigen Situation aber ist es so weit gekommen, daß der Allgemeinwille des Publikums, nämlich sein objektives Interesse an geistigen Gebilden, in denen durch alle Vermittlungen hindurch ihre eigene Wahrheit ausgesprochen ist, schroff dem widerspricht, was der Wille selber willenlos von sich aus zu wollen meint und was man ihnen im allgemeinen zusätzlich noch einhämmert.
Darum ist nicht danach zu fragen, ob das Publikum wollen, sondern was es wollen kann. Unabhängig von diesem Was, dem Inhalt des Gewollten, wäre die Frage nach dem Wollen leer. Sie würde nur den Glauben, daß der Kunde König sei, der schon in der materiellen Warenproduktion ein Reklametrick ist, auf den Geist übertragen, wo er schlechterdings nichts zu suchen hat. Geistige Gebilde haben objektive Qualität, ihren objektiven Wahrheitsgehalt. Keineswegs wird er stets von der Übereinstimmung derer bestätigt, die den geistigen Gebilden gegenübertreten; heute tritt er in grellen Gegensatz dazu. Ich gewärtige den Einwand, wer denn nun jene objektive Qualität beurteilen solle. Er entspringt dem hämischen Relativismus, der beteuert, solche Objektivität sei selbst nur Einbildung und hänge von der Zufälligkeit des Geschmacks ab. Bequem zur Hand liegt die Verdächtigung, man wolle nur eine Kontrolle eigener Art, die von Experten, gemeinschaftsfremden Sachverständigen, etablieren. Würde ich nach Kriterien jener Qualität gefragt, die es jedem erlaubten, sie sinnfällig und ohne viel Mühe festzustellen, so müßte ich verstummen. Aber der Wunsch nach solchen Kriterien gehört selber dem verdinglichten Schwarz-Weiß-Denken an, das heute die eindringende Erfahrung geistiger Gebilde verhindert. Die Entscheidung hängt von zahllosen vermittelnden Kategorien ab. Wahrscheinlich wäre sie überhaupt nur von der voll entfalteten Theorie der Kunst und der Gesellschaft zu erwarten; zugleich von Menschen, die der Gesetzmäßigkeit und Stimmigkeit der Gebilde ungeschmälert, ohne Vorurteil und Vorbehalt sich anvertrauen. Nicht weniger allerdings wäre von denen zu verlangen, die für künstlerische Fernsehproduktion verantwortlich sind. Mittleres Verständnis, Sympathie fürs Mittlere, abwägender common sense, der die Qualität der Sache und die Reflexe der Konsumenten zum Ausgleich bringt, reicht nicht aus. Es käme nur dem Schlechten zugute, welches das Mittlere im Geist immer schon ist. Auch eine Haltung taugt nichts, die geistige Gebilde, anstatt sie an ihrem eigenen Gesetz zu messen, vorgeblich von höheren Gesichtspunkten überschaut und sich über sie stellt dadurch, daß sie sie gar nicht ernst nimmt als das, was sie sind. Immerhin, wer überhaupt einmal den Unterschied zwischen einem konsequenten und reinen Gebilde und einer Schnulze; zwischen einem Stück, das etwas ausdrückt, und einem, das sich anbiedert; zwischen einem, das die Konsequenzen seiner Voraussetzungen zieht, und einem, das die Konsequenz abbiegt; zwischen einem, das über die Mittel selbständig verfügt, und einem, das erprobte Wirkung imitiert – wer solche Unterschiede überhaupt einmal wahrgenommen hat und zugesteht, der gesteht damit, ob er es will oder nicht, auch die Möglichkeit objektiver Unterscheidung zu. Wie diese Möglichkeit freilich sich dann in die Wirklichkeit von Produktion und Kritik umsetzt, dafür gibt es kein Rezept. Würde nach einem verfahren, so reduzierte die Kunst sich auf eben jenes Vorausberechenbare, das ihr in der verwalteten Welt ans Leben will. Im allgemeinen wird man sagen dürfen, daß, je mehr Gebilde scheinbar den Bedürfnissen der Menschen, nämlich ihren offenbaren, sich angleichen, sie auch um so mehr von der eigenen Qualität opfern. Diesem Widerspruch entgeht nicht, wer sich einbildet, er könne gewitzigt beides vereinen. Die Ideologie des Ostblocks nährt diesen Wahn; die Resultate sprechen gegen sich selbst. Verhängnisvoll wäre es, wenn unter den Bedingungen formaler Demokratie etwas Ähnliches sich anbahnte; wenn Majorisierung Ähnliches bewirkte wie dort das Dekret der Diktatoren.
Ich möchte nicht defaitistisch abbrechen vor der Frage, ob das Publikum überhaupt Richtiges wollen kann. Dazu müßte es gebracht werden, durch sich selbst und gegen sich selbst zugleich. Die langfristige Bedingung dafür wäre Erziehung, wofern die Zeit bleibt. Beschlagnahmt die Kulturindustrie schon die Kinder und Halbwüchsigen, um die Infantilisierung des Ganzen zu betreiben, so wäre dem im
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