Gesammelte Werke
verbinden. Sentimental wäre es, über einen Mangel an aktivem demokratischen Geist zu klagen; das einzige, was im Augenblick frommt, ist für den Intellektuellen, die Bedingungen zu erkennen, die diesen Mangel zeitigen, und darüber nachzudenken, was an ihnen sich ändern ließe.
Deshalb ist die Antwort auf die eigentlich entscheidende Frage, die nach dem demokratischen Potential der Universitäten, also danach, ob ihre Absolventen im Ernst demokratisch gesonnen sein werden und bereit, die Demokratie zu verteidigen, so prekär. In einiger Verantwortlichkeit wäre wohl zu sagen, daß nach der subjektiven Seite die Aussichten der Demokratie auf der Universität nicht nur günstiger sind als in anderen Epochen der deutschen Geschichte, sondern daß sie einstweilen auch stetig zunehmen. Aber das Schicksal politischer Formen geht nicht auf im Bewußtsein derer, aus denen die Gesellschaft sich bildet, sondern wird überwiegend determiniert von objektiven Tendenzen und Kräften, die vollends heute in der verwalteten Welt, über den Köpfen der Menschen hinweg, sich durchzusetzen drohen. Wie, unter veränderten ökonomischen und politischen Konstellationen, die heute Studierenden zur Demokratie sich verhalten werden, läßt sich kaum prophezeien. Sicherlich haben sie in ihr Geschmack an der Freiheit und am unreglementierten Leben gewonnen; sicherlich aber wird der Hang zur Anpassung nicht dort innehalten, wo autoritäre Ordnungen, welcher Spielart auch immer, unmittelbar die Anpassung erheischen. Ob die zukünftigen Akademiker sich gegen Propaganda und Zwang wehren, wird nicht zuletzt davon abhängen, ob es uns, den Universitäten, gelingt, in ihnen selbst etwas von jenem Geist zu erzeugen, der bei der Anpassung sich nicht beruhigt. Erziehung zur Demokratie auf den Hochschulen könnte nichts anderes sein als Kräftigung des kritischen Selbstbewußtseins.
1959
Der Schwarzseher antwortet
Zu dem Aufsatz »Fernseh-Kaleidoskop« von Erich Beurmann * sind mir vielleicht einige Anmerkungen gestattet.
Zunächst pro domo: amerikanische Untersuchungen über das Fernsehen halte ich nicht für in Deutschland irrelevant. Der Unterschied der ›Mentalität‹, auf den Beurmann sich beruft, verdeckt, wenn ich nicht irre, das eigentliche Problem: ob nämlich nicht die amerikanische Entwicklung der Kulturindustrie das Modell der europäischen abgibt, ob nicht die Entwicklungstendenz hier in jene Richtung zielt, die in Amerika jetzt bereits fixiert ist. Wer beobachtet, wie die europäischen Konsumenten der Kulturindustrie durchwegs auf die technisch höchst perfektionierten amerikanischen Produkte etwa im Bereich des Films ansprechen, oder gar Filmmagazine beider Kontinente vergleicht, wird kaum mehr daran glauben, daß die sogenannte Mentalität gegenüber den ökonomischen und sozialpsychologischen Vorgängen etwas Entscheidendes ausmacht, die auf der ganzen Erde heute der Menschheit widerfahren. Es wäre fatal, auf ein kulturelles Erbe sich zu verlassen, dessen unbequeme Verpflichtung Zahllose abzuwerfen selbst dann sich beeilten, wenn sie es besäßen. Darum dünkte es mir nicht überflüssig, auf amerikanische Studien in »Rundfunk und Fernsehen« Bezug zu nehmen ** , ehe das System in Deutschland sich ganz festgesetzt hat.
Weiter wäre es eine Illusion anzunehmen, bei der Übertragung aktueller Ereignisse sei Verfälschung oder Kürzung nicht möglich. Von der Frage des Schnittes ganz abgesehen, besteht, analog zu den Kameraeinstellungen im Film, die Möglichkeit, durch die bloße Art der Aufnahme aktuelle Ereignisse in bestimmter Weise zu steuern, also etwa gerichtliche Vernehmungen so zu übertragen, daß die Angeklagten vorweg als schuldig erscheinen, ohne daß am Wortlaut dessen, was sie sagten, und an anderen Grunddaten etwas sich änderte. Zu den beängstigendsten Aspekten der Kulturindustrie gehört eben, daß sie allerorten den Eindruck unvermittelter, protokollarischer Wirklichkeit auf Kosten des ästhetischen Moments hervorbringt, während doch die Realität auch hier, und zwar mit Rücksicht auf die auf den Zuschauer auszuübende Wirkung, vorgeformt ist. Der Widerstand gegen das, was die Kulturindustrie den Bevölkerungen aller Länder antut, verlangt nicht zum Letzten, daß dieser Zusammenhang eingesehen und allgemein bekannt gemacht wird.
Schließlich möchte ich davor warnen, die Zukunft des Fernsehens zu einer akademischen Prärogative zu machen. Ich vermag mit Dr. Beurmann nicht darin
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