Gesammelte Werke
die den Zusammenhang technischer Erfindungen und gesellschaftlicher Tendenzen betreffen. Man mag das so formulieren: die monopolistische Struktur des Radios als eines Mediums, das ungezählte, fast ohnmächtig ausgelieferte Kunden zwangshaft mit dem gleichen Stoff beliefert, hat sich durchsetzen können erst in der monopolistischen Phase. Nicht nur gehen die entscheidenden Verbesserungen der ursprünglichen, auf Morsezeichen beschränkten Funkentelegraphie, welche die Übertragung akustischer Phänomene möglich machten, so weit zurück wie 1906, während die Geschichte des eigentlichen Broadcast erst 1920 einsetzt. Sondern bereits 1885 kam Edison der Funkentelegraphie ganz nahe, und daß er sie nicht erfand, hat Archer zufolge keinen anderen Grund, als daß man zu jener Periode eine solche Technik zu ›indiskret‹ fand. Liberalistische Rücksichten solcher Art sind freilich gegenstandslos geworden in einer Epoche, in der immer mehr Staaten zur Abschaffung des Briefgeheimnisses übergehen. Wenn jedoch Archer meint, zu Edisons Zeit habe man das Auffangen telegraphischer Botschaften in fahrenden Zügen für ›zu demokratisch‹ gehalten, so dürfte er wohl verkennen, welchen Sinnes man heute die Privatsphäre liquidiert.
1939
Broadcasting and the Public. A case study in social ethics. By the Department of Research and Education of the Federal Council of the Churches of Christ in America. New York: The Abingdon Press 1938.
Die Begriffe fortschrittlich und reaktionär zu handhaben ist nicht mehr einfach. Im Sinne der Entwicklungstendenz des Kapitalismus sind Konzentration und Monopolisierung gewiß fortgeschritten; als dessen hörige Diener fungieren sie rückschrittlich, und kapitalistisch zurückgebliebene Gruppen vermögen rückschrittliche Momente am kapitalistischen Fortschritt selber sehr wohl zu visieren. So etwa ist die Schrift einzustellen. Der Untertitel führt irre: sie enthält kein sozialethisches Geschwätz, sondern recht nüchterne kritische Betrachtungen zum heutigen Rundfunk. Es wird etwa deutlich, daß in der scheinbar neutralen Zuteilung von Lizenzen an die Stationen die Kapitalkraft sich durchsetzt, indem als Voraussetzung der Lizenz der Nachweis verlangt wird, daß man finanziell fähig ist, eine Station nach heutigen Standards zu unterhalten. Die Frage des Monopols, insbesondere der RCA und der von ihr abhängigen größten Sendegesellschaft, der NBC, wird freimütig, wenn auch unter Suspension der Stellungnahme erörtert. Außer der wohlbekannten Vormacht der drei großen ›Networks‹ wird dabei der viel weniger diskutierte Einfluß der Presse – vor allem des Hearstkonzerns, der allein zehn Stationen besitzt oder kontrolliert – sichtbar gemacht. – Viel schwächer ist, wie in den meisten amerikanischen Publikationen, die Behandlung der Programmpolitik. Für die Musik etwa wird die seit Lumleys »Measurement in Radio« übliche, ganz oberflächliche und irreführende Klassifizierung »serious – light – popular – other« beibehalten. Auch der verdächtige Begriff semiclassical, den die Industrie benützt, erscheint unbefragt. Rundfunkerziehung und religiöser Rundfunk werden in der landesüblichen Weise abgehandelt. – Für die Unzulänglichkeit des Rundfunks macht der Bericht schließlich die ›Lücke‹ zwischen technischer und kultureller Entwicklung verantwortlich, ohne daß deren gesellschaftliche Ursache ernsthaft aufgesucht oder gar der Begriff der Kulturentwicklung selber analysiert würde. Es entsteht der Eindruck, als handle es sich um einerseits naturhaft notwendige, andererseits durch guten Willen im gegebenen Rahmen korrigible Übel der ›Zivilisation‹. Eine Frage wie die für den Rundfunk entscheidende: warum die jüngsten technischen Innovationen früher kamen als ihr spezifischer ›Inhalt‹; und warum der Inhalt auch keineswegs durch bloße Adaptation an die besonderen Erfordernisse des Werkzeugs sich hat produzieren lassen – eine solche Frage läßt die Schrift nirgends aufkommen.
1939
Fragen an die intellektuelle Emigration *
Lassen Sie mich sogleich an die Unterscheidung von Immigration und Emigration anknüpfen. Vielen von Ihnen mag sie pedantisch erscheinen. Aber als Ausdruck der Haltung dünkt sie mich beträchtlich. Der Immigrant ist der Einwanderer, der einigermaßen freiwillig, angezogen von den unbeschränkten Möglichkeiten, kommt. Der Emigrant ist der Vertriebene, der Flüchtling, der Schutz sucht und, wie wir in
Weitere Kostenlose Bücher