Geschichte des Westens
stand.
Die erste Wahl auf der Grundlage des neuen Wahlrechts im März 1929 erbrachte die erwartete plebiszitäre Akklamation: 8,5 Millionen Ja-Stimmen standen nur 136.000 Nein-Stimmen gegenüber. Nach der Wahl vergingen nochmals fünf Jahre, bis am 5. Februar 1934 ein Gesetz über die Bildung und Aufgaben der Korporationen verabschiedet und eine Nationalversammlung der insgesamt 22 Korporationen einberufen werden konnte. Eine autonome Interessenvertretung war im«stato corporativo» nicht mehr möglich. Entscheidend war die Willensbildung des faschistischen Machtzentrums um Mussolini. Die «confederazioni» und «corporazioni» mit ihrem schwerfälligen Apparat und das Einheitsparlament dienten nur als legitimatorische Fassade. Daran änderte sich auch nichts, als im Januar 1939 Parlament und Korporationen in der Camera dei fasci e delle corporazioni zusammengeschlossen wurden.
Als Integrationspolitik waren auch die Lateranverträge vom 11. Februar 1929 zu verstehen. Im ersten Vertrag, dem «Trattato», wurde der Kirchenstaat wieder hergestellt, der im Oktober 1870 durch den Anschluß Roms an das Königreich Italien aufgehört hatte zu bestehen. Die Anerkennung der Souveränität und der Regierungsgewalt des Papstes über die Città del Vaticano erlaubte es dem Heiligen Stuhl, die römische Frage für beigelegt zu erklären. Der zweite Vertrag, eine Finanzkonvention, sagte dem Vatikan als Ersatz für den alten Kirchenstaat eine hohe Entschädigung zu. Der dritte Vertrag, das Konkordat, gewährte der katholischen Kirche Bedingungen, die sie unter einer liberalen Regierung nie hätte durchsetzen können: Die katholische Religion wurde als Staatsreligion anerkannt; die Kirche erhielt eine Garantie für die Freiheit der Seelsorge und des Religionsunterrichts an öffentlichen Schulen; die kirchlich geschlossene Ehe galt fortan auch als zivilrechtlich wirksam.
Ein Hindernis auf dem Weg zum Konkordat war zunächst der Monopolanspruch der faschistischen Jugendorganisation, der 1926 geschaffenen Opera Nazionale Ballila (Ballila war der Name eines fünfzehnjährigen Jungen, der 1790 mit einem Steinwurf das Signal zum Aufstand gegen die Österreicher in Genua gegeben hatte). Der Opera Nazionale Ballila sollten zwecks körperlicher und militärischer Ertüchtigung sowie politischer Erziehung alle Jungen zwischen 7 und 14 Jahren angehören, ohne daß es eine rigide Beitrittspflicht gab. (Parallel dazu waren die Piccole italiane für Mädchen zwischen 8 und 14 Jahren, die Avanguardisti und die Giovani italiane für die männliche beziehungsweise weibliche Jugend zwischen 14 und 18 Jahren zuständig.) Der Kirche gelang es, ihren Jugendgruppen, die unter dem Namen Associazione di Azione Cattolica zusammengefaßt wurden, einen Sonderstatus zu sichern: Sie blieben bestehen, mußten sich aber jeder Tätigkeit enthalten, die in die gesetzlichen Aufgabengebiete der Staatsjugend fielen. An den Universitäten hingegen blieben die katholischenwie alle anderen nichtfaschistischen Vereinigungen ausgeschaltet: Die männlichen Studenten waren fast zu 100 Prozent in den Gruppi universitari fascisti organisiert.
Die Lateranverträge zogen einen Schlußstrich unter einen langen Konflikt, der fast sechs Jahrzehnte lang das Verhältnis zwischen der katholischen Kirche und dem italienischen Staat schwer belastet hatte. Mit der Wiederherstellung der weltlichen Herrschaft des Papstes und der Privilegierung der katholischen Kirche Italiens wurde eine Grundentscheidung des Risorgimento, die für den laizistischen Nationalstaat, revidiert. Der Faschismus dachte zwar nicht daran, sich zu «katholisieren» oder christlicher zu geben, als er war. Aber der Friedensschluß von 1929 festigte die Position des Regimes nicht nur im Innern, indem er die Katholiken stärker als zuvor an die neue Ordnung band. Er erhöhte auch das Prestige des faschistischen Italien und seines Führers im Ausland: Die gläubigen Katholiken in aller Welt hatten nun einen Grund, Mussolini und seiner Regierung ein gewisses Wohlwollen entgegenzubringen.
Wenn in den Jahren nach dem «Marsch auf Rom» etwas dem Regime Mussolinis reale Legitimation verschaffte, war es die wirtschaftliche Erholung seit Ende 1922. Diese Entwicklung entsprach zwar dem Trend der Weltwirtschaft, wurde aber durch die liberale Wirtschafts- und die strenge Haushaltspolitik von Finanzminister De Stefani zielstrebig gefördert (ein eigenes Wirtschaftsministerium gab es damals in Italien nicht). Die
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