Geschichte des Westens
Industrieproduktion wuchs zwischen 1922 und 1929 um 50 Prozent, und auch die Landwirtschaft verzeichnete beträchtliche Wachstumsraten, zu denen die von der Regierung proklamierte «battaglia di grano», eine Ankurbelung der Getreideproduktion, wesentlich beitrug. Die Landwirtschaft erfreute sich schon aus ideologischen Gründen der besonderen Aufmerksamkeit des Regimes: Von den sozialen und mentalen Schäden der Industrialisierung überzeugt, forderten die Faschisten eine «ruralizzazione» (Verländlichung) Italiens. Das als ungesund empfundene Wachstum der Städte sollte beendet, der ländliche Raum gezielt entwickelt werden. Auf diese Weise hoffte der Faschismus auch der weiteren Auswanderung nach Übersee wirksam entgegenwirken zu können.
Eine Agrarreform, die die Interessen der großen Eigentümer verletzt hätte (eine Aufteilung der Güter etwa oder eine Abschaffung der«mezzadria», des Halbpachtsystems, in der Toskana), schied von vornherein aus: Die Latifundenbesitzer durften nicht verprellt werden, weil sie die wichtigsten Verbündeten der Faschisten waren; ohne ihre Hilfe wäre die Partei Mussolinis nicht an die Macht gekommen. Die Ruralisierung konnte infolgedessen nur die Form der Binnenkolonisation annehmen. Als Raum hierfür kamen neben der toskanischen Maremma und dem Maccarese nördlich von Rom nur die Pontinischen Sümpfe im Süden der Hauptstadt in Frage.
In dem zuletzt genannten Gebiet begannen 1930 seit langem geplante großflächige Trockenlegungsarbeiten, die in der Zeit der Weltwirtschaftskrise auch im Sinne einer konjunkturbelebenden staatlichen Arbeitsbeschaffung durchgeführt wurden. In den dreißiger Jahren entstanden hier fünf neue Retortenstädte: Littoria, das heutige Sabaudia, Pomezia, Aprilia und Pontina. Sie wurden als kommunale ländliche Zentren (centri comunali agricoli) konzipiert und orientierten sich am Idealbild einer faschistischen Stadt: Im Zentrum standen das Rathaus und ihm gegenüber die katholische Kirche, beide überragt von dem örtlichen Sitz der Partei, der «casa del fascio» mit ihrem Liktorenturm. Weiter gehörten in der Regel eine Milizkaserne und ein Freizeitzentrum der Opera Nazionale Dopolavoro zum Stadtkern.
Die Ruralisierung wurde wie die «Getreideschlacht» mit großem propagandistischem Aufwand betrieben, zeitigte aber nicht die gewünschten Ergebnisse. Zwischen 1921 und 1930 nahm die Zahl der Beschäftigten insgesamt um 1,1 Millionen zu, im landwirtschaftlichen Sektor aber nahm sie um 530.000 ab. Bis 1940 wurden nur 100.000 Menschen auf neu kultiviertem Land angesiedelt. Da der Faschismus sich nicht als rückwärtsgewandt, sondern modern präsentieren wollte, konnte er in der Praxis auch gar nicht das Land systematisch gegenüber der Stadt privilegieren. Er mußte, um der Krise nach 1929 entgegentreten zu können, auch die industrielle Erzeugung beleben, was er, an die Praxis früherer Regierungen anknüpfend, mit Hilfe protektionistischer, jetzt am utopischen Ziel der Autarkie ausgerichteter Maßnahmen tat: Die Stahlindustrie produzierte zu Preisen, die zwischen 50 und 100 Prozent über denen des Weltmarkts lagen.
Das wichtigste Instrument der faschistischen Industriepolitik war das 1933 gegründete Istituto per la Ricostruzione Industriale (IRI), das zeitweilig 42 Prozent des Kapitals aller Aktiengesellschaften und sämtlicher kriegswichtigen Industrien kontrollierte. Mit seinem gemischten,teils staatlichen, teils privaten Management trug das IRI vermutlich entscheidend dazu bei, daß die Wachstumsraten des italienischen Bruttoinlandsprodukts in den dreißiger Jahren erstmals den europäischen Durchschnitt leicht übertrafen und der Anteil Italiens an der Weltindustrieproduktion 1938 mit 2,8 Prozent knapp über dem Stand von 1928, nämlich 2,7 Prozent, lag.
Nicht nur den neuen, auch den alten Städten suchte der Faschismus seinen Stempel aufzudrücken. Unter dem Stichwort «sventramento» (Niederreißung) wurden, wo immer das möglich erschien, die historischen Stadtzentren entkernt, wodurch Platz für faschistische Monumentalbauten und neue axiale Straßenzüge entstand. Besonders tiefe Spuren hat die Urbanisierungspolitik des Regimes in Rom hinterlassen. Dort ließ Mussolini durch seinen Chefarchitekten Marcello Piacentini die gesamte innerstädtische Straßenführung sternförmig auf die Piazza Venezia, wo seit 1929 sein Amtssitz, der Palazzo Venetia, lag, ausrichten. Die großen neuen Straßen eigneten sich nicht nur für Paraden, auf
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