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Geschichte des Westens

Geschichte des Westens

Titel: Geschichte des Westens Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Heinrich August Winkler
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Regierungsapparat unter.
    Am 5. Januar 1927, zu Beginn des Jahres, in dem die Mitgliederzahl der faschistischen Partei die Millionengrenze überstieg, unterstellte der «Duce» die Segretari Federali, die regionalen Parteisekretäre, dem Präfekten. Wolfgang Schieder sieht darin «den Wendepunkt in der Entwicklung des PNF von der regierenden zur dirigierten Einheitspartei. Die Partei wandelte sich in eine bürokratische Massenorganisation von Karrieristen und angepaßten Mitläufern, die nicht vorrangig politisch motiviert waren. Sie verlor damit die aggressive Stoßkraft, die der Extremismus in die Partei gebracht hatte. Zugleich aber stellte sich heraus, daß sich auch das Integrationskonzept Mussolinis nur begrenzt verwirklichen ließ. Die traditionellen Eliten blieben der faschistischen Einheitspartei weitgehend fern und entzogen sich damit einer direkten politischen Kontrolle durch den faschistischen Diktator.»
    Im Herbst 1926 war es erneut der gescheiterte Versuch eines Anschlags auf Mussolini, der eine Steigerung der repressiven Dynamik bewirkte: das Attentat des fünfzehnjährigen Anteo Zamboni, der unmittelbar darauf vom faschistischen Mob gelyncht wurde, am 31. Oktober in Bologna. Das Regime reagierte am 5. November mit der Auflösung aller Parteien, dem Verbot oppositioneller Zeitungen, der Schaffung einer besonderen politischen Polizei, der Divisione Polizia Politica, kuz «POLPOL» genannt, und der eigentlichen Geheimpolizei, der Organizzazione di Vigilanza e Repressione dell’Antifascismo (OVRA), der Annullierung sämtlicher Reisepässe und der Einführung einer neuen Maßnahme: der Verbannung von Oppositionellen, was Inhaftierung und oft auch Folter auf einer der «isole maledette» genannten Vulkaninseln, darunter Ustica und Lipari, bedeutete. Zu den Verbannten gehörte auch der Arzt und Schriftsteller Carlo Levi, der seine Erfahrungen 1945 in dem Roman «Christus kam nur bis Eboli» literarisch verarbeitet hat.

Am 9. November erklärte die faschistische Mehrheit der Deputiertenkammer die Mandate der oppositionellen Abgeordneten für erloschen. Es folgten, auf der Grundlage des Staatsschutzgesetzes vom 25. November 1926, die Errichtung eines Sondergerichtshofes (Tribunale Speciale) für politische Straftaten, die Einführung neuer, auch rückwirkend geltender schwerer Strafen, gegebenenfalls der Todesstrafe, für antifaschistische Betätigung sowie einer Polizeihaft, die administrativ, also ohne Einschaltung von Gerichten verhängt werdenkonnte. Auf Grund des neuen Gesetzes wurde der faktische Führer der Kommunisten, Antonio Gramsci, den die Polizei bereits am 8. November 1926 verhaftet hatte, im Juli 1928 vom Sondergericht zu 20 Jahren Gefängnis verurteilt. Wer von den prominenten Linken noch nicht emigriert oder inhaftiert war, versuchte, ins Ausland zu entkommen. Italien war seit dem November 1926 auch offiziell ein Einparteienstaat und mehr denn je ein Polizeistaat.
    Die Politik der Repression konnte nur wirken, weil sie von einer Politik der Integration begleitet wurde. Auf die Gewinnung der Arbeiterschaft zielte die 1925 geschaffene Freizeitorganisation Opera Nazionale Dopolavoro (OND), die vor allem mit ihren sportlichen, kulturellen und touristischen Angeboten den proletarischen Massen einen Ausgleich für den Verlust der politischen Freiheit und wiederholte Lohnsenkungen bieten sollte und dieses Ziel in begrenztem Umfang wohl auch erreichte: Die Mitgliederzahl der OND stieg von 280.000 im Jahr 1926 auf über 1 Million 1929 und schließlich auf 4,6 Millionen im Kriegsjahr 1940.
    Als sehr viel weniger wirksam erwiesen sich die Bemühungen um die Überwindung von Klassengesellschaft und Klassenkampf im «stato corporativo». Die am 21. April 1927, dem legendären «Geburtstag Roms», vom Großen Faschistischen Rat beschlossene Carta del Lavoro sah die Eingliederung der staatlich anerkannten Berufsverbände, der «confederazioni», von Arbeitgebern und Arbeitnehmern in gemeinsame «corporazioni» vor. In den Korporationen sollten die Vertreter von Kapital und Arbeit unter Führung von Staat und Partei die Produktion im nationalen Interesse regeln und planen. Ein neues Wahlgesetz vom Mai 1928 gab den «confederazioni» das Vorschlagsrecht für die vom Großen Faschistischen Rat zu beschließenden Kandidaturen auf der faschistischen Einheitsliste für die Parlamentswahlen – ein Recht, das angesichts des ausschlaggebenden Einflusses des PNF freilich nur auf dem Papier

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