Glencoe - Historischer Roman
so viel Platz, griff aber nach seiner Hand. »Warum hetzt du dich? Hast du zu lange keinen Sommer auf dem Black Mount erlebt? Du hast Zeit genug.«
»Ich muss mit meinem Vater sprechen«, erwiderte er.
Der MacIain saß vor seiner Hütte und stopfte Ranald eine Pfeife.
»Worüber?«
»Achallader.«
»Dein Vater will nicht hingehen.«
»Er wird gehen«, sagte Sandy Og und entzog ihr seine Hand.
Sie nahm sie sich wieder. Mein Liebster, wollte sie sagen, sei nicht so hart mit dir selbst. Deinen Vater zu bewegen ist wie den Black Mount von der Stelle zu schieben, verlang so etwas nicht von dir. Sie wusste aber, dass er hart mit sich sein und den MacIain bewegen musste; alles andere war unausdenkbar. Kurz vergaß sie den Brief, hob seine Hand und küsste ihm die Finger. Früher hätte Sandy Og seinen Vater nie freiwillig aufgesucht, doch seit Cromdale wehte ein neuer Wind. Sarah hatte gehört, dass der MacIain Sandy Og Dinge fragte, die er sonst mit den Tacksmen besprach – »Müssen wir noch Heu kaufen?« oder »Meinst du, wir sollten am Fluss mehr Wachen aufstellen?« – und wie er ihm Blicke schenkte, in deren Genuss bisher nur John gekommenwar. Von ihrem Platz beobachtete sie, wie Sandy Og zu den Männern trat und etwas zu ihnen sagte und wie der MacIain sich erhob. Halb erwartete sie, dass der Alte sich aufbäumen würde, um seinen Sohn niederzubrüllen, halb wusste sie, dass der MacIain dafür zu klug war. Er würde Sandy Og durch keine Erniedrigung mehr gefügig machen, denn der war ihnen entwachsen. Der alte Mann verzog sein verwittertes Gesicht und klopfte seinem Jüngsten liebevoll den Rücken.
Halte stand!, wollte Sarah ihrem Mann zurufen. Der MacIain warf Ranald ein paar Worte hin, breitete den Arm um Sandy Ogs Schultern und stieg mit ihm den Hang hinauf.
Halte stand, dachte Sarah erneut. Sag ihm, dass du allein nach Achallader gehst und deine Familie bewahrst, wenn er den Clan nicht schützt. Sei kein Kind, Sandy Og, das wie eine Nachtkerze aufblüht, sobald der Vater es lobt. Wir waren alle Kinder, aber manche dürfen keine Kinder mehr sein.
Ihre Hand schob sich unter ihr Hemd und zog den Brief heraus. Sie würde tun, was Frauen in Glencoe taten: das Blut von der Schlachtung würzen, Wurst kochen und das Feuer anfachen. Sie war entschlossen, den Brief ins Feuer zu werfen. Als sie aber den Tiegel mit Gewürzen vom Karren lud, knüllte sie jäh den Brief zur Kugel und versteckte ihn im Beutel mit dem langen Pfeffer. Außerdem tat sie, was sie nie tat: Sie schenkte sich ein Quantum Lebenswasser ein und trank es, ehe sie sich zum Kochen setzte.
Sandy Og und sein Vater kamen erst nach Einbruch der Dunkelheit zurück, als die jungen Leute einen Flecken mit Kienfackeln abgesteckt hatten, um zur Fiedel zu tanzen. Der MacIain hatte nicht mehr den Arm um Sandy Ogs Schultern gelegt, nickte ihm aber zu, ehe sie sich vor dem Tanzplatz trennten. Komm zu mir!, rief Sarah ihren Mann stumm. Lass es mich wissen – einerlei, wie es ausgegangen ist. Zeig mir, dass ich dir wichtig bin.
Das ungewohnte Lebenswasser machte sie benommen.Sarah tastete nach dem Brief und erschrak, bevor ihr einfiel, was sie damit getan hatte. Sandy Og ließ sich von einem Rudel Feiernder umringen, in deren Mitte Ceana trieb. Als sich zwischen den Fackeln die Paare zum Reihentanz formierten, nahm Ceana ihn bei den Händen und zog ihn hinter sich her. Sie musste ihm einen Stoß versetzen, damit er sich mühte, in den Schritt zu finden.
An dir lieb ist mir, dass du beim Tanz aussiehst, als hätte man ein Tier zwischen Menschen gehetzt, ein schönes, wildes Tier, das seine Anmut verliert und vor Schüchternheit zittert. An dir nicht lieb ist, dass dich die andere dabei halten darf, dass du das, was mir lieb ist, verschenkst, wie man Regenwasser ausgießt.
Sarah sprang auf und lief zu den Fackeln. Dass Leute auf sie zeigten, dass sie über sie lachten, wusste sie. Schon einmal hatte sie ihren Mann auf einem solchen Fest von Ceana weggezogen; sie würde es nicht wieder tun. Ich habe einen Brief in meinem Pfeffersack. Ich hätte ihn verbrennen sollen, aber ich habe ihn behalten, weil ich nie zuvor einen bekommen habe, weil ich noch keinem so wichtig war, dass er mir schrieb: »Liebe Nichte«, und: »Vergiss nicht, dass du eine Campbell bist.« Als Sandy Og sie entdeckte, ließ er Ceana los und kam zu ihr. »Was ist denn, Sarah?«
»Das frage ich dich .« Sie sprach gegen das Fiedeln, Reden und Lachen, gegen den Lärm der
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