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Grün war die Hoffnung

Grün war die Hoffnung

Titel: Grün war die Hoffnung Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: T.C. Boyle
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ging’s nach Santa Rosa zum Sozialamt des Countys, Lebensmittelgutscheine beantragen. Es waren knapp vierzig Grad, die Straßen glühten, die Welt der Schlipse und Anzüge feierte den Beginn des Wochenendes, Ungetüme mit massigen Unterarmen steuerten ihre zwölf Meter langen Kombiwagen in die Supermärkte, und keiner hatte auch nur einen Jointstummel für ihn übrig, um den Schmerz zu lindern.
    Jetzt war später Nachmittag, und Ronnie hatte sich am Pool ausgestreckt, die Haare klebten ihm am Kopf, nachdem er eine ganze Serie von Hüpfern in das grünlich-trübe Wasser hingelegt hatte – sollte da nicht mal irgendwer einen Sack Chlor reinkippen, so wurde das doch geregelt? –, die Sonne hielt ihren Teil der Abmachung, in den Bäumen zeterten die Vögel, irgendwer spielte Mundharmonika, und die Töne trieben über den Rasen, während sich in den großen Töpfen allmählich die ersten Gerüche des Abendessens verdichteten. Am vorigen Abend – oder doch schon vorgestern? – hatte es Gemüselasagne mit Tofu und Karotten statt Fleisch gegeben, und das war noch ein wahres Festmahl gewesen. Für gewöhnlich gab es nur eine Art Brühwürfel-Reispamp mit Kräutern, Jungzwiebeln und was sich sonst noch im Garten fand. Aber er beklagte sich nicht. Oder eigentlich doch. Seine Essensmarken vom Sozialamt gingen in den Gemeinschaftstopf, genau wie die von allen anderen, und damit konnte er leben, aber Norm – Norm war einfach wahnsinnig, denn er bestand darauf, jeden durchzufüttern, der eintrudelte, selbst die Penner und Rotweinbrüder und auch die schwarzen Freaks aus San Francisco, die übrigens seit letzter Woche das ganze hintere Haus übernommen hatten und keinerlei Anstalten machten, wieder zu verschwinden.
    Sie waren am Wochenende gekommen, sieben Mann, reingequetscht in einen alten Lincoln Continental mit Heckflossen wie von einem Raumschiff, das sie glatt zum Mars und zurück hätte bringen können, alles cool und ganz friedlich, nur mal die Szene abchecken. Ronnie hatte mit Reba, Verbie, Sky Dog und ein paar anderen auf der vorderen Veranda gesessen, wo sie dem flimmernden Licht in den Bäumen zugesehen und sich redlich bemüht hatten, ein bißchen Kleingeld von den Touristen zu schnorren, die immer ganz schüchtern und richtig dankbar schienen, etwas beitragen zu können, um den Lebensstil zu unterstützen, weil sie total auf all das standen, was hier so ablief, ja ehrlich, das taten sie, aber ihre Mütter waren krank, und sie waren mit den Hypothekenzahlungen hinterher, und der Zahnarzt drohte damit, ihren Kindern die Spangen wieder aus dem Mund zu reißen, aber könnten sie nur mal einen Moment hier mit auf der Veranda sitzen, wäre das cool? Einige hatten Kameras mit, und pro Foto eines abgefackt-authentischen Hippies in voller Hippiemontur nahm ihnen Sky Dog einen Vierteldollar ab. Die mutigeren unter ihnen blieben zum Abendessen und stellten sich mit dem Blechnapf in der Hand in die Schlange, und vielleicht nahmen sie auch einen Zug oder zwei von dem kreisenden Joint, wenn später das große Feuer entzündet war und die Gitarren hervorgeholt wurden. Sie sangen sogar bei Buffalo Springfield mit, bei Judy Collins oder Bob Dylan, falls irgendwer den Text wußte. Wie im Sommerlager. Und dann stiegen sie wieder in ihre Fords und Chevys und VW-Käfer und Volvos und fuhren nach Hause.
    Die Schwarzen waren anders. Sie entstiegen ihrem Wagen nicht, sie schlüpften heraus, mit ihrer gleitenden, leise bedrohlichen, obercoolen Schwarzen-Energie – und Ronnie war kein Rassist, keineswegs, er hatte nur vielleicht ein bißchen mehr Erfahrung als der Rest seiner Brüder und Schwestern hier auf Drop City, die letzten Endes ja alle etwas blauäugig und einfach lahm waren –, dann kamen sie über den Schotterplatz heran, bildeten eine Formation wie ein Footballteam. Der, der das Sagen hatte, hieß Lester. Er machte einen sanften Eindruck, klein und mit einem Gesicht wie aus Knete, und er trug ein Halstuch aus roter Seide und Stiefel mit hohen Absätzen. »Peace, Bruder«, sagte er, spreizte Mittel- und Zeigefinger und sah Ronnie direkt in die Augen. Ronnie antwortete nicht, aber Sky Dog und die anderen grüßten mit dem Peace-Zeichen und machten die üblichen Willkommensgeräusche. Im Handumdrehen saß Lester mit auf den Stufen der Veranda, nahm einen Zug aus der Pfeife, die gerade herumging, seine schwarzen Schlaghosen waren ein Stück hinaufgerutscht, so daß man rote Socken und die Gummischlaufen seiner Beatle-Boots sehen

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