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Grün war die Hoffnung

Grün war die Hoffnung

Titel: Grün war die Hoffnung Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: T.C. Boyle
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Dunkles Haar, viel Haar. Hin und her, hin und her. Am liebsten hätte Marco sich die Kleider vom Leib gerissen und wäre auch hineingesprungen, um sich von all dem Klebrigen und Muffigen der Reise und dem Restgestank des Schlafsacks zu befreien, aber er kannte niemanden hier und ging einstweilen behutsam vor – bevor er in den Rhythmus dieser Kommune eintauchte, mußte er erst einmal klären, wo er zumindest diese Nacht schlafen würde, wenn nicht für die nächste Zeit. Norm hatte beim Ankommen auf einen Stapel Bauholz hinter einem der kleineren Gebäude gezeigt – »Bastle dir ruhig was zusammen«, hatte er gegen die Musik aus dem Radio angebrüllt, »tu dir keinen Zwang an, ich kehre hier sicher nicht die Baupolizei oder den Bürgermeister raus, also mach, was du willst« –, und Marco hatte beschlossen, sich auf jeden Fall mal zu überlegen, was sich daraus bauen ließ. Er war nicht gerade gelernter Zimmermann, aber ungeschickt war er auch nicht, und bis auf zwei Tage auf einer Baustelle in San Jose hatte er schon wochenlang nicht mehr richtig rangeklotzt. Wieso nicht? dachte er. Selbst wenn er nicht hierblieb, wär’s doch ein netter Zeitvertreib.
    Er ließ Rucksack und Gitarre unter einer der gewaltigen verschlungenen Eichen vor dem Haus liegen und schlenderte den Weg entlang, um das Holz zu begutachten. Berauschend sah es nicht aus. Ein Haufen verwitterter Zaunpfosten, ein paar Sperrholzbretter, die sich extrem warfen, und diverse angekohlte Bretter, so daß man nicht Sherlock Holmes sein mußte, um zu ahnen, daß auf Drop City mindestens ein Gebäude ein Raub der Flammen geworden war. Er trennte gerade die besseren Stücke vom Schrott, als ein Mann von Anfang Zwanzig durch das hohe Gras auf ihn zukam. Seine Hüften wiegten sich geschmeidig, als würde er nicht gehen, sondern tanzen, aber er hatte einen zu großen Kopf und zu kleine Füße. »Was liegt an?« sagte der Typ, und als er heranwackelte, sah Marco, daß er eine Angelrute in der einen und ein paar aufgefädelte, etwas mickrige Flußbarsche in der anderen Hand hielt. Sein Blick war glasig und sprunghaft, als käme er nach einem sehr langen Rockkonzert aus der Halle gewankt. Was sonst noch? Tiefgebräunt, kurze Holzperlenkette, abgeschnittene Jeans, Ledersandalen und der schütterste Bart der Welt.
    Marco nickte und gab den Stammesgruß zurück: »Und bei dir, Alter?«
    Der andere betrachtete ihn eine Zeitlang mit allerleisester Belustigung. »Ich bin Pan«, sagte er dann, »oder eigentlich Ronnie, aber alle nennen mich Pan ... Und du bist ...?«
    »Marco.«
    »Cool. Willst du was bauen?«
    »Denk grade drüber nach.«
    Ronnie zog ein Gesicht und bohrte die Kante einer Sandale in den Staub. »Mit dem Scheiß hier?«
    »Na ja, bescheidene Anfänge, bescheidene Hütte«, sagte Marco, aber er sagte es mit einem Grinsen. »Mann, Thoreau hat für sein Häuschen am Walden Pond achtundzwanzig Dollar oder so gezahlt, und darin hat er immerhin einen Winter an der Ostküste überstanden ...«
    »Yeah«, sagte Ronnie, »aber die Preisentwicklung seit damals ist ja verrückt, was?«
    »Genau. Völlig gratis, das Zeug hier. Die totale Deflation.«
    Aber Ronnie kriegte den Witz offenbar nicht ganz mit. Er stand lange Zeit wortlos da und sah zu, wie Marco in dem Holzstapel wühlte, und die Fische auf seiner Schnur wurden langsam hart. Es war heiß. Ein Krähenschwarm ließ im Wald ein Keckern ertönen. »Und was baust du nun, Mann?« fragte Ronnie schließlich.
    Die Idee kam Marco erst in diesem Moment, und er nutzte die Frage, um die Antwort aus sich hervorzulocken, denn bis dahin hatte er noch keine Form vor Augen gehabt. Jetzt fiel sein Blick auf die mächtige Eiche, auf ihre Krone und den steten Schatten, die Wurzeln wie Klauen in der Erde, und am Fuß des Stammes lehnten seine Gitarre und sein Rucksack. Er ließ ein Holzbrett zu Boden fallen.
    »Ein Baumhaus«, sagte er.

3

    Pan nahm sich den Tag frei. Pan wollte einfach mal seine fettige Matte pflegen, ein paar Pfeifchen rauchen und ein bißchen abhängen, kein Sex heute – er war schon richtig wund davon – und auch kein Streß, weder mit Merry noch mit Lydia, noch mit Star. Heute nicht. Der Morgen war bisher ziemlich alptraumhaft verlaufen: um neun hatte er sich von der Matratze im vorderen Schlafzimmer geschleppt, in der Kehle einen Geschmack wie aufgewärmte Scheiße, dann hatten sich alle in den verrosteten 1959 er Studebaker geschmissen, mit dem er und Star quer durchs Land geschrotet waren, und ab

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