Grün war die Hoffnung
»Die suchen dort die Wärme«, so hatte Norm das erklärt, »damit muß man hier klarkommen. Natürlich kann man sie auch töten, abhäuten und aufessen, aber dann hat man ein Leben lang ein schlechtes Schlangenkarma, und im nächsten Leben vielleicht auch noch, also willst du das wirklich?«
Aus dem großen Haus drangen Gelächter, Unterhaltungen, Musik, alles zu einem Gemurmel verschmolzen, das auf ihn eine Art Sog ausübte, so als spielte sich dort das wahre Leben ab, das einzige Leben, und das hier draußen, die Natur und diese knisternde Finsternis, wäre für Verlierer – für Verlierer und für Schlangen. Lydia war da drin und Merry und Verbie und alle anderen. Vielleicht sollte er aufstehen und reingehen, schon wegen der menschlichen Wärme und Gemeinschaft, denn genau darum ging’s ja auf Drop City, um die Gemeinschaft, vielleicht eine Runde Karten spielen oder Monopoly – doch dann fraß sich das Bild von Alfredo in sein Hirn, und er überlegte, daß er lieber doch nicht reinging.
Alfredo war eins der Gründungsmitglieder der Kommune, gehörte zu Norm Senders innerstem Kreis, so ein säuerlich in die Gegend blickender Asketentyp, achtundzwanzig, neunundzwanzig, Rebas Macker. Er quatschte ständig was über natürliche Geburt und wie Reba damals die Nachgeburt gekocht und jedem ein Stück davon zu essen gegeben hatte, oder daß Che und Sunshine draußen im Freien geboren worden waren, unter dem Mond und den Sternen, aber trotzdem war er ein verkniffener Arsch, und vor zwei Tagen hatte Ronnie mit ihm Streit bekommen, anläßlich einer äußerst scharf formulierten Kritik über den freiwilligen Einsatz beim Abwaschen oder beim Wegbringen des Mülls oder beim Graben eines neuen Klärfelds, weil die vielen Leute die beiden einzigen funktionierenden Klos der Kommune verstopften, so daß die Scheiße schon in Strömen floß, und da hätte er doch sicher nichts dagegen, oder? Aber sicher! Und wie er was dagegen hatte. Er war doch nicht den weiten Weg nach Kalifornien gedüst, um Kloakengräben auszuheben! Verfluchte Scheiße noch mal!
Das dachte er, während er auf dem warmen Schlangenstein saß und die Nacht rings um ihn sich verdichtete, er war ein bißchen durcheinander, aber auch sauer, echt total sauer, als auf einmal Lester und einer der anderen schwarzen Typen – Franklin, der Typ hieß Franklin – aus dem Nichts heraus auftauchten, eine Flasche Wein in der Hand. »Hey, Bruder«, raunte Lester mit seiner heiseren Stimme und ließ sich lässig neben ihm nieder. »Was machst du hier, baden?«
»Keine Ahnung. Ja. So ähnlich. Vorhin hab ich gebadet – also, vor einer Weile.« Die Worte schienen in seinem Mund festzuhängen wie die Kruste am Boden einer Pfanne. »Irgendwie kalt geworden jetzt. Und was tut sich bei euch so?«
Franklin war stehengeblieben, die krugförmige Weinflasche – ein billiger Roter – baumelte von seinen Fingerspitzen wie eine gläserne Bombe. Lester grinste. »Immer dasselbe, Bruder«, sagte er. »Wir feiern eine Party im hinteren Haus, Mann, und du kannst dich gern anschließen – oder vielmehr: Wir wären sehr erfreut darüber, also, ich jedenfalls – wie ist das mit dir, Franklin?«
Franklin meinte, er wäre ebenfalls erfreut.
»Übrigens«, sagte Lester, während sie sich hochrappelten, »du hättest wohl nicht zufällig noch zwei Stück von dem Meskalin da, von dem du doch was gebunkert hast, wie ich höre?«
Doch, doch, hatte er. Und zwei Minuten später war er im hinteren Haus, wo sechs oder sieben schwarze Typen herumsaßen und auf einer batteriebetriebenen Anlage mit kaputtem Baßlautsprecher Marvin Gaye hörten: wumm-wumm- flapp -wumm-wumm- flapp . Sky Dog war auch da, mit seiner Gitarre im Arm, irgendwer hatte ein paar Duftkerzen angezündet, weil es im hinteren Haus keinen Strom gab, und eine neue Frau saß da – ein Mädchen –, höchstens vierzehn oder fünfzehn. Von zu Hause weggerannt. Wie sie hieß? Sally. Wo sie herkam? Aus Santa Clara. Und wie ihr Vater war? Der war ein Arschloch. Auf der Ranch kamen pro Woche an die zwanzig wie sie durch, keine blieb länger als ein, zwei Nächte, als wäre das alles hier – Norm Sender, Alfredo, Reba, ja Drop City selbst – nichts weiter als eine ausgedehnte Pyjamaparty.
Ronnie stellte sich als Pan vor, verpaßte ihr eine kleine geschwisterliche Umarmung, und dann machte er es sich mit der Wand als Rückenstütze auf dem Boden bequem und sorgte dafür, daß der Rotwein herumging. Alles war friedlich. Sanftes
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