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Grün war die Hoffnung

Grün war die Hoffnung

Titel: Grün war die Hoffnung Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: T.C. Boyle
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zaghaft an: »Möchtest du mich auch vergewaltigen?«

4

    Die Versammlung hatte Alfredo einberufen, für acht Uhr, als das Geschirr vom Abendessen abgewaschen oder zumindest eingeweicht war und alle sich faul und zufrieden fühlten, sechs Bleche mit Shitkeksen kühlten auf dem Küchentisch aus, und für danach stand ein Film in Aussicht (ein Charlie Chaplin, den Star noch nicht gesehen hatte – spielte in Alaska, war das möglich?). Ein paar hatten sich für den Anlaß extra herausgeputzt, vor allem Verbie, denn eine Versammlung war ja im Grunde der beste Anlaß für eine Party, wenn schon alle Brüder und Schwestern aus ihren Hütten und Jurten und den hintersten Schlafkammern und entferntesten Stellen im wilden weiten Wald zusammengekommen waren, und wieso auch nicht? dachte sich Star, wieso nicht? Feiern wir ’ne Party. Wenn man sich’s recht überlegte, war ja sogar Kartoffelschälen für den vegetarischen Eintopf eine Art Party. Jedenfalls war es keine Arbeit, nicht im herkömmlichen Sinne, nicht wenn man dabei von den Brüdern und Schwestern umgeben war und einen keiner mit einer Stechuhr überwachte.
    Gegen halb acht stolzierte Verbie herein, in einem limonengrünen Cape über einer rosa Rüschenbluse, das Gesicht in der Farbe der gesprungenen Tonfliesen angemalt, die Norm eines Morgens, bevor irgend jemand aufgewacht war, auf der Westseite des Hauses aufgeschichtet hatte. Jiminy stand neben ihr, in Zylinder und Frack mit nichts darunter außer einem Donald-Duck-Slip, irgendein Neuankömmling schlug die Bongos, pat-a-pat-pat , die Hunde und sogar die Ziegen waren in höchster Unruhe, dann kam Maya hereingerauscht in einem Hochzeitskleid aus dem Secondhandshop, das aussah, als wären die Motten noch nicht ganz damit fertig geworden. Und Ronnie? Ronnie war Ronnie, kein Streß. Star selbst beließ es bei eine bißchen Theaterschminke – Peace-Zeichen auf beiden Backen und ein drittes Auge, komplett mit Lidschatten, mitten auf die Stirn gemalt.
    Es war wohl schon halb neun oder so, als Reba hereinkam und ein paar Kerzen entzündete und ein Tablett mit zwei Kannen Kamillentee und Keramikbechern auf dem großen Tisch in der Küche abstellte. Das war das Signal, jedenfalls verstand Star es so, und sie setzte sich neben Marco, Ronnie, Merry und Lydia auf den Fußboden, doch es dauerte noch eine weitere halbe Stunde, bis Norm Sender und Alfredo hereinkamen und Alfredo ein altes Zirkusmegaphon an die Lippen hob, um zu intonieren: »Also gut, Leute, also gut – könnte ich einen Moment lang um eure Aufmerksamkeit bitten ... Und wir werden das hier so schmerzlos wie möglich ablaufen lassen, ich versprech’s euch ...«
    Star fühlte sich gut – geradezu großartig –, als sie in die Kissen sank und Marco den Arm um sie legte und einer der hellbraunen Hunde sich quer durch den Raum schlängelte, um sich neben ihr einzurollen und den großen hellbraunen Kopf auf ihr Knie zu legen. In diesem Augenblick schien alles zusammenzulaufen, alle Fasern ihres Lebens, das Zerren zwischen den gegensätzlichen Polen: Ronnie, Marco, der Freak im Tipi, ihre Eltern und der Job und das Auto und das Zimmer, das sie zurückgelassen hatte, weil jetzt das hier ihre Familie war, weil sie hierhergehörte. Sie streckte die Beine aus und starrte nach oben in die Spinnweben, die an der Decke schwebten wie Miniaturwolkenbänke und einigen Weberknechten das Leben schwermachten. Bis Drop City hatte sie nie irgendwo hingehört.
    Wer war sie denn in der Schule gewesen? Eine kleine Miss Niemand. Den Titel hätte sie sich auf die Pullis sticken und quer über die Stirn tätowieren können. Und in kleineren Buchstaben darunter: Ich bin ein Stück Scheiße, trampelt auf mir herum. Bitte! Im Jahrbuch ihrer Highschool wurde nicht sie zur witzigsten Schülerin gewählt oder zur besten Tänzerin oder zum vielversprechendsten Talent, sie war weder in der Band noch in der Spanisch-AG, und als ihr Jahrgang nach zehn Jahren ein Wiedersehenstreffen veranstaltete, da konnte sich kaum jemand an sie erinnern. Die Typen bemerkten sie allerdings sehr wohl. Im College jedenfalls. Und wie sie sie bemerkten: in den Korridoren und der Cafeteria und in der Stadt, in den klaustrophobischen Gängen des Plattenladens – und in ihren Augen glitzerte die Begierde und eine animalische Raubgier, deren sie sich nicht einmal bewußt waren. Mit ein paar von ihnen ging sie aus, aber einen richtigen Freund hatte sie nie, und obwohl sie hübsch war – sie wußte, daß sie

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