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Grün war die Hoffnung

Grün war die Hoffnung

Titel: Grün war die Hoffnung Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: T.C. Boyle
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übersät mit Schrammen, blauen Flecken, Ausschlägen und Dreck. Ronnie ließ den Schlauch sinken und ging auf den Pool zu wie ein Zombie. Dann war er drin, umfangen von Grün, seine Glieder bewegten sich im Auftrag des autonomen Nervensystems, anspannen und strecken, anspannen und strecken, bis er am anderen Ende des Pools mit dem Kopf gegen die Fliesen knallte und sich wassertriefend auf den Beckenrand wuchtete.
    Aber jetzt sprang noch jemand ins Wasser, klatschend und kreischend, die beiden Hunde kläfften hinterher, und es war Lydia – war das Lydia? –, und er fand, er sollte sich langsam das Wasser aus den Haaren schütteln und einen Teller Reispampe holen, einfach nur, um etwas im Magen zu haben, als er Alfredo bemerkte, der ihn aus einiger Entfernung ansah. Alfredo fixierte ihn, ein armseliger kleiner Blick, der Mund wie ein Kaugummiklumpen unter einer Schulbank, und Ronnie erwiderte sein Starren. Er würde sich keinen Scheiß mehr gefallen lassen. Er hatte ebensoviel Recht, hierzusein, wie jeder andere – LADJEAH , oder? –, und er hatte nicht vor, sich bei Alfredo oder Norm Sender oder sonstwem zu entschuldigen. Dann spürte er eine Hand auf seinem Knie, und es war Lydia, mit schwimmenden Brüsten und angeklatschtem Haar. »Wo bist du denn gewesen?« fragte sie. »Wir haben gestern abend überall nach dir gesucht.« Das Wasser schwappte, Libellen surrten herum. Und dann: »Hast du gehört, was passiert ist?«
    Nein, hatte er nicht.
    Sie blinzelte sich das Wasser aus den Augen, packte sein Bein, und er spürte, wie er unter den nassen Falten seiner abgeschnittenen Jeans einen Ständer bekam. »Ein Mädchen ist vergewaltigt worden.«
    »Vergewaltigt? Was meinst du mit vergewaltigt ?«
    »Ach, die war von zu Hause weggerannt – vierzehn, erst vierzehn Jahre alt –, und Norm flippt total aus deswegen, rennt in der Küche rum und erzählt was von den Bullen – die Bullen kommen, die Bullen kommen! und versteckt das Dope, und räumt diese Scheiße hier auf, tut dies und tut das, und Alfredo redet ihm exakt alles nach. Sie wollen Lester rausschmeißen. Und Sky Dog und die anderen auch.«
    Ronnie dachte darüber nach, das Wasser schwappte um seine Beine, Lydias Brüste klatschten ihm gegen die Knöchel, und ihre Hand schlängelte sich seinen Oberschenkel hinauf. Seine normale Reaktion auf die Geschichte wäre so was wie »Finster, ey« oder »Scheißtrip«, doch dieser schwerwiegende Augenblick hing völlig in der Schwebe, und sein Kopf war noch nicht klar, nicht mal annähernd, deshalb starrte er nur auf die weißen Schemen ihrer Beine hinunter, die rhythmisch Wasser traten.
    »Wie man so hört, haben sie ihr zu kiffen gegeben und sind dann über sie hergefallen, und es waren auch nicht bloß Lester und Sky Dog. Das waren alle.« Sie verstummte, weiter wassertretend, ein langsamer, fließender Rhythmus ihrer Beine. Che warf irgend etwas – ein angekohltes Frisbee – nach seiner Schwester, und sie stieß einen Schrei aus, dann bellten die Hunde los, und Reba, die am anderen Ende des Pools saß, hatte einen Lachkrampf, haa-haa, haa-haa, haa-haa. Lydias Hand war kalt. Sie packte ihn fester. »Irgendwer hat gesagt, du bist auch dort gewesen«, begann sie leise und ließ den Satz verklingen.
    Er war dabeigewesen. Klar doch. Und er hatte sich mit ein paar von ihnen angelegt, oder nicht? Sicher, sicher doch. So mußte es gewesen sein. Denn ganz egal, wie stoned er war oder wie absichtlich primitiv die Sache sich entwickelt hatte, er würde bei so was doch bestimmt nicht einfach zusehen ... Und bei dem Gedanken daran, dem Gedanken an diesen billigen kleinen Acid-Moment im hinteren Haus, an die vielen null und nichtigen Gesichter, die ihn anstarrten, das Wumm-Wumm- Flapp der Stereoanlage und dieses Mädel mit den dünnen strampelnden Beinen, fühlte er sich innerlich so schwarz und leer, daß er am liebsten nie von zu Hause weggegangen wäre. Was sollte er sagen? Wie konnte er es erklären?
    »Ja«, sagte er, »ja. Ich war dort.«
    Lydia schien das eine Zeitlang zu überdenken, ihre Augen glitzerten wie Planeten im unerforschten Universum ihres Gesichts. Sie war eine große Frau, breite Schultern und breite Hüften, insgesamt wuchtig, schwarzes Haar und leicht wulstige Lippen, in ihren Lidern klebten Krümelchen von Lidschatten wie angeschwemmtes Strandgut. Ihre Beine traten immer noch Wasser. Sie packte seinen Oberschenkel noch fester. Dann blinzelte sie, um die Augen trocken zu bekommen, und lächelte ihn

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