Bücher online kostenlos Kostenlos Online Lesen
Grün war die Hoffnung

Grün war die Hoffnung

Titel: Grün war die Hoffnung Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: T.C. Boyle
Vom Netzwerk:
getropft war, fügte sie hinzu: »Jedenfalls fast nichts.«
    »Sie war überhaupt nicht wie du«, sagte er seufzend. Er stand vom Tisch auf, nahm die Petroleumlampe vom Haken und zündete sie an. Alle seine Muskeln schienen in den Nacken gewandert zu sein, hart und angespannt hoben sie sich unter der Haut ab. Seine Miene war unruhig.
    »Los doch«, sagte sie. »Ich möchte es hören.«
    Jill war jung gewesen, erst einundzwanzig, und er ebenfalls – achtundzwanzig damals, und das lag drei Jahre zurück. Er traf sie in Fairbanks, als er im Winter in einer Bar zapfte, nachdem er einen Sommer im Wald als Feuerwehrmann gearbeitet hatte. Damals trank er zuviel, schlief zuwenig, wohnte in einer Stadt, die wie alle anderen Städte war, und er kam kaum je raus zum Angeln am Chena oder Nenana. Er wußte nicht genau, was er wollte. Jill war eine Collegestudentin, oder sie war es gewesen, bevor sie ihn kennenlernte und prompt die University of Alaska verließ, und danach brachten sie den Rest des Winters damit zu, im Bett herumzukugeln und sich über die Landschaft zu unterhalten und darüber, sich von allem loszulösen und als freie Menschen zu leben.
    Sie ging mit ihm, gleich nach dem Frühjahrstauwetter, in das Blockhaus, in dem sie jetzt waren, ja sie half ihm sogar dabei, es zu bauen. Keiner von beiden verstand sein Handwerk, aber sie lernten aus ihren Fehlern, und sie hatten einen Lebensmittelvorrat aus dem Laden eingebunkert, der sie durch die ersten Monate brachte, bis sie wieder selbst angeln und Gemüse anbauen und jagen konnten – Fünfundzwanzig-Kilo-Säcke mit Reis, Linsen und Mais, Butter in Riesendosen, geräucherten Fisch und so weiter. Und das war auch gut so, eine Zeitlang. Nur war Jill für das Leben in der Wildnis einfach nicht geschaffen – in psychologischer Hinsicht. Sobald der Winter hereinbrach und die Sonne sich verabschiedete, ging sie die Wände hoch, und man hätte meinen können, sie sei im Gefängnis, verhört, verurteilt und gegen ihren Willen eingesperrt. »Ich habe hier lebenslänglich«, sagte sie in einem Tonfall, der wie eingeäschert klang, »ich komme nie wieder raus. Wie ein Sträfling in San Quentin.« Er war draußen in der Natur, selbst in der schlimmsten Kälte, belauerte in den Wäldern Schneehühner, Stachelschweine, Luchse oder sonst irgendwas für den Kochtopf, sie aber saß nur vor dem Ofen und starrte in die Glut, las dieselben Bücher immer wieder – sie mußte George Eliots Silas Marner an die zwanzigmal durchgeackert haben, und das hätte wohl jeden umgehauen. Sie spielte mit sich selbst Patience, bis die Karten total abgenutzt waren. Und dann fing sie an, die verbleibenden Tage in die Wand einzukratzen: vier vertikale Markierungen und ein Querstrich, genau wie einHäftling.
    Pamela ließ ihn weiterreden. Es war therapeutisch, das spürte sie, und das hier mußte raus, denn wenn alles richtig lief, würde sie den Platz dieser Frau einnehmen, und es wäre geradezu unerträglich, ihre Geschichte nicht zu kennen. Trotzdem, als er ihr von den Abzählstrichen an der Wand erzählte, stand er auf und beugte sich über sie, um mit den Fingern über die Rundung des Baumstamms zu fahren, an dem ihr Kopf lehnte, und da waren sie, wie Narben in einer wunden Haut: die Kerben der Verzweiflung. Ihre beste Strategie bestand im Auswerfen eines Rettungsseils, an das sie sich gleich klammerte: »Also hatte sie eine richtige Depression, im klinischen Sinn?«
    »Hüttenkoller«, sagte er und sank neben ihr in die Pelze, »ziemlich schlimm sogar.« Sie reichte ihm ihre Hand, aber er ergriff sie nicht. »Passiert vielen hier draußen. Besonders Frauen. Frauen brauchen offenbar die Gesellschaft von anderen Frauen mehr, als Männer andere Männer brauchen – wir sind eher Einsiedler. Eremiten von Natur aus. Aber ihr – ihr müßt ja immer tratschen und so, stimmt’s?«
    Sie zuckte die Achseln. »Gut möglich.«
    »Natürlich können die Männer hier auch ganz schön ins Spinnen kommen. Kennst du schon den von den beiden Trappern im Hochland bei Eagle Village? Zwei echte Käuze, die Sorte, die mit sich selber sprechen, wenn sie alle halbe Jahre mal in der Stadt sind. Nein? Na, jedenfalls, es war Februar in einem bitterkalten Winter, und der eine brauchte so dringend Gesellschaft, daß er seine Hunde anschirrte und die fünfzig Kilometer zu dem anderen hinüberfuhr, und der trat in die Tür seines Häuschens, nickte ihm einladend zu, ging wieder rein und ließ die Tür einen Spaltbreit offen.

Weitere Kostenlose Bücher