Bücher online kostenlos Kostenlos Online Lesen
Grün war die Hoffnung

Grün war die Hoffnung

Titel: Grün war die Hoffnung Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: T.C. Boyle
Vom Netzwerk:
Beziehung erwarten konnte. Sess warf einen Quarter in die Musicbox und drückte dreimal hintereinander »Mystic Eyes«, dann bestellte er sich einen Schnaps und ein Bier, und als er ausgetrunken hatte, bestellte er noch mal das gleiche, setzte sich ans Fenster und schmökerte in einem zwei Jahre alten Time Magazine , das er schon mindestens sechsmal von vorn bis hinten gelesen hatte.
    Leute kamen und gingen. Zwei ältere Touristen in einem weißen Kombi mit einer zehn Zentimeter dicken Schlammschicht drauf quatschten eine Zeitlang mit ihm, und er erzählte ein paar einfallsreiche Lügen über das Land und das, was sie hier zu erwarten hatten. (»Elche? Wirklich? Sie meinen, die gehen echt auf den Wagen los?«) Gegen sechs ließ er sich von Lynette ein Thunfischsandwich und einen Teller mit Pommes machen, und danach wanderte er zum Nougat hinüber, um mal zu sehen, wer da alles war, und vielleicht ein paar Runden Pool zu spielen. Dort traf er zwei Hungwitchin-Indianer, die er von flußaufwärts kannte, hinter Eagle lebten sie, und er trank ein oder zwei Stunden lang mit ihnen, bis der eine plötzlich auf den Tisch kotzte und Clarence Ford, der zapfte, sie hinauswarf. Die Indianer torkelten zu ihrem Pickup, ließen den Motor aufheulen und winkten ungelenk zum Abschied, aber Moment mal: konnten sie ihn nicht ein Stück die Straße rauf mitnehmen, zurück zum Three Pup, denn seine Beine wollten nicht mehr recht mitspielen? Klar konnten sie das.
    Hier wurden die Dinge etwas unscharf. Joe Bosky war dagewesen, soviel wußte er noch, er hatte sich wieder mit ihm angelegt, und wer da was zu wem gesagt oder wer angefangen hatte, war nicht mal ansatzweise wichtig. Er erinnerte sich sogar vage, daß Lynette irgendwann ihre Pistole gezogen und draußen auf dem Hof ein- oder zweimal abgedrückt hatte, auf jeden Fall bekam er am Ende Lokalverbot, während Joe Bosky lässig an der Theke stand, um sich herum zehn, zwölf Menschen, und den Rest des Abends in Würde weitertrank. Aber eins hatte Joe Bosky übersehen, eins war allen entgangen, nämlich daß Joe Boskys Wagen, sein weißer Fließheck-Mustang mit dem blauen Rallyestreifen, den er normalerweise in einer Garage abstellte und immer nur im Sommer fuhr, mitten vor der Tür auf dem verwilderten Parkplatz stand. Wie eine Wand aus Stahl und Glas stand er da, so daß Sess darüber stolpern mußte. Und es war für Sess kein Problem, nur eine Sache von wenigen besoffenen Minuten, die Motorhaube zu knacken und sich den glänzendschwarzen Knubbel der Verteilerkappe anzueignen, um damit zum Fluß hinüberzuwandern, im Kopf den vagen Gedanken, sich irgendwo etwas zum Pennen zu suchen.
    Zu behaupten, daß er mit Kopfschmerzen aufwachte, war untertrieben. Er war zerstört, niedergemacht, geschlagen an den Pfahl von Verletztheit und Reue, schlicht zermürbt von der körperlichen Entkräftung nach Alkoholexzessen. Er hatte es auch nicht ganz zu seiner Baracke geschafft und erwachte mit der Sonne in den Augen und beim sanften Tippen der Stiefelspitze von Richard Schrader. »Sess«, sagte Richard, und sein Gesicht war ein schimmernder Planetoid, der am Himmel seine Kreise zog, daneben stand auch ein Mond, und dieser Mond war das allzu weiße Gesicht der Frau, mit der Richie Oliver am Abend zuvor zusammengewesen war – oder vielleicht war es ein Klon von ihr. Sess setzte sich auf. Er befand sich fünf Meter vor der Tür zu seiner Baracke, sanft gebettet in einen Stapel Autoreifen und rostiger Maschinenteile, gleich am Südende von Richards Veranda. Der Fluß wogte hinter ihnen vorbei. Alles war naß und kalt. »Meine Güte«, sagte die Frau, »sieh dich bloß mal an!«
    Er war ein Mönch. Er war ein Büßer. Er wies Kaffee zurück, ebenso Heftpflaster und Allergiesalbe für die Moskitostiche, stieg einfach in sein Kanu – ohne neue Vorräte, nichts, nicht einmal eine Flasche Wasser – und paddelte flußaufwärts. Er schöpfte sich Wasser und trank beim Paddeln, und er fand in seinem Tagesrucksack ein paar Streifen getrocknetes Karibufleisch, das er in aller Scham und Selbstverleugnung kaute, während er die Strömung mit der Schneide seines Paddels bearbeitete. Es fiel immer noch Nieselregen, und er erschauderte, dann nutzte er einen kleinen Stromwirbel, um ans gegenüberliegende Ufer zu gelangen, wo er das Kanu an Land zog und ein Feuer zum Aufwärmen in Gang brachte, obwohl es fast zwanzig Grad waren – aber wenn man klatschnaß ist und einem der Wind entgegenpfeift, friert es einen sogar

Weitere Kostenlose Bücher