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Grün war die Hoffnung

Grün war die Hoffnung

Titel: Grün war die Hoffnung Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: T.C. Boyle
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Spiegelei und Steak mit geschnittener Zwiebel ein, feste eingetunkt in Tabascosauce, dazu Pommes frites, Toast und ein großes Bier mit einem Schuß Tomatensaft drin – »Bierblut«, nannte er es, wenn sich mal jemand die Mühe machte, ihn danach zu fragen, »so nehm ich mein Vitamin C zu mir«. Er sah lange genug von seinem Teller auf, um Sess zu informieren, daß Richard Schrader mit dem Kanu den Fluß runter zu seiner Fischerhütte gefahren war, weil er damit rechnete, daß jeden Tag die Königslachse zu ziehen begannen. Lynette, die sich über den Tresen lümmelte, so daß ihr das Halfter die magere Hüfte hinaufrutschte, bestätigte das. »Irgendein Tourist«, sagte sie, als würde sie schon seit fünfzig Jahren in Alaska wohnen, »hat ein fünfzehn Kilo schweres Vieh geangelt, gleich hier vorn bei der Sandbank, ist keine zwei Tage her. Oder sind’s schon drei?«
    Sess nahm noch ein Oly, schon um das wettzumachen, das er im Nougat gekippt hatte – die Gastronomie schön gleichmäßig bedenken, das war sein Motto –, und auch hier bot ihm niemand einen Whiskey zum Feiern an, aber das war in Ordnung, es paßte zu seinen Vorsätzen, deshalb ging er zurück in den Ort, um Pamela beim Gemischtwarenladen abzufangen. Er wollte ihr die schlechte Nachricht überbringen – kein Wagen zu kriegen – und sie einkaufen lassen, was sie wollte, denn wenn sie nicht nach Fairbanks fuhren, wo es freien Wettbewerb gab, mußten sie Wetzel Setzlers Wucherpreise zahlen, einstweilen jedenfalls. Im Winter würden sie natürlich gar keine Wahl haben, aber ohne Hunde würden sie ohnehin nicht mit dem Schlitten auf dem Fluß nach Boynton kommen, um hin und wieder eine große Dose Mammutoliven mitzunehmen, weil sie so unbändige Lust darauf hatten, oder um in der Kneipe, bei Richard oder sonstwem mit ein paar Leuten zu quatschen.
    Dann aber – die beiden Biere im Bauch verschafften ihm ein wohliges Gefühl, und ein leichter Wind vom Fluß fuhr ihm durchs Haar, während er einen Fuß vor den anderen setzte und die ersten Baracken der Ortschaft, die dringend einen Anstrich benötigten, ihn wie alte Freunde und fröhliche Saufkumpane begrüßten – kam ihm ein Gedanke, in dem ein schicker 1965er Fließheck-Mustang eine Rolle spielte, dessen Abstellort er zufällig kannte. Es war ein krimineller Gedanke, andererseits verdiente eine kriminelle Handlung ja wohl eine ebensolche Antwort, oder?

17

    Für Pamela war die Gemischtwarenhandlung das vollkommene Beispiel für Ordnung im Chaos. Sie hielt viel von jener Art Rechtschaffenheit, die sich aus Entbehrungen und asketischem Lebensstil speist, und hatte auch ihre Wohnung in Anchorage von kitschigem Gerümpel freigehalten, wie es einem bei vielen Freunden gleich ins Auge sprang – Schnitzarbeiten aus Speckstein oder Walroßhauern, polierte Karibugeweihe, ausgestopfte Tiere oder Indianerszenen in Rahmen aus Birkenrinde, ganz zu schweigen von Stereoanlagen, Tontöpfen und Schränken voller Schuhe, Handtaschen, gestrickten Pullis und Seehundlederstiefeln mit Perlenbesatz. Krimskrams belastete sie, und sie hatte nicht den Ehrgeiz, immer das Neuste und Modernste zu besitzen und zu den unermeßlichen Schrottbergen des braven und anständigen Amerikaners beizutragen. Was sie achtete, das war die Genügsamkeit der ersten Goldgräber, die nichts dabei fanden, für einen ganzen Monat nicht mehr mitzunehmen als ein Gewehr, etwas Angelschnur, einen Sack Reis, ein Pfund Salz und ein bißchen Tee in der Dose. Man sollte abspecken bis aufs Notwendigste. Und von dem leben, was einem die Natur bot.
    Dennoch mußte sie bewundern, was Wetzel Setzler mit den beiden geschwärzten Räumen des etwas abgesackten großen Holzgebäudes angestellt hatte, das Boyntons Hauptstraße – nun ja, Boyntons einzige Straße – beherrschte. Sess hatte ihr erzählt, der Laden sei ein Überbleibsel aus der Zeit um die letzte Jahrhundertwende, als Boynton immerhin mit 1200 Einwohnern, einem Opernhaus und achtundzwanzig Saloons aufwarten konnte und als es in den Goldpfannen der Alaskafahrer entlang des Kandik und Charley River noch glitzerte – einer Zeit, in der die Northern Navigation Company zweiunddreißig Schaufelraddampfer den Fluß rauf und runter betrieb, um den Fracht- und Personenverkehr zu bewältigen, und da fragte sich Pamela, was diese Menschenhorden sich eigentlich gedacht hatten, wie die Heuschrecken in ein Gebiet einzufallen, von dem sie nicht die geringste Ahnung hatten. Doch sie kannte die Antwort: zum

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