Herbstfraß
Glühkerzen“, werde ich belehrt.
„Das ist mir völlig egal. Schau nach, ob die in Ordnung sind.“
„Man baut nicht so einfach ein paar Glühkerzen aus.“
„Und warum nicht?“
„Weil ich keine verdammte Werkstatt in meiner Hose habe.“ Bo zückt sein Handy und ruft die Gelben Engel an. Damit rückt die Aussicht auf ein heißes Bad in weite Ferne.
„Möglicherweise liegt der Fehler auch an der Batterie“, brummt er anschließend.
„Vielleicht liegt es an dieser Scheißkarre!“
Schweigend blickt Bo mich an. Ich lehne meinen Kopf frustriert gegen die Nackenstütze meines Sitzes und starre ins Dunkel.
„Zieh diesen ollen Mantel aus, Robin.“
„Damit mir erst recht kalt wird?“
„Er ist nass.“
„Ach nee.“ Meine Stimmung ist auf dem Nullpunkt. Bo soll mich jetzt lieber in Ruhe lassen. Oder besser noch: Mir erklären, dass er nicht mehr sauer auf mich ist und mich in seine warmen Arme ziehen. Stattdessen schlüpft er aus seiner Jacke und hält sie mir entgegen.
„Nun nimm endlich. Ich friere nicht so leicht wie du.“
„Hältst du mich für ein Weichei?“
„Himmel! Immer wenn es dir nicht gut geht, wirst du richtig ätzend.“
„Ach? Du darfst mich also bemuttern. Und wenn ich mir um dich Sorgen mache, wirst du wütend.“
Mit einem letzten Rest von Geduld sieht mich Bo an. „Ich bin nicht wütend, weil du dir Sorgen um mich machst, sondern weil du mir hinterher schnüffelst. Das ist ein kleiner aber feiner Unterschied.“
„Dann frier halt!“, fauche ich und reiße ihm die Jacke aus den Händen. Bo blinzelt überrascht. Ich winde mich aus meinem nassen Mantel und dem furchtbaren Schal, der im feuchten Zustand überdies unerträglich kratzt. Trotzdem kann ich mir ein erleichtertes Seufzen nicht komplett verkneifen, als ich endlich Bos körperwarme Jacke angezogen habe. Die kalten Hände schiebe ich mir unter die Achseln. Kopfschüttelnd mustert mich Bo.
„Du wärst an der Front wirklich ein Held gewesen.“ Diese blöde Bemerkung konnte er sich offenbar nicht verkneifen.
„Was passiert, wenn du dich an der Front befindest, kann man heute an deinem Sack ablesen.“ Das platzt ganz ungewollt aus mir heraus. Im nächsten Moment beiße ich mir auf die Zunge. Zu spät. Robin, du depperter Vollpfosten! Selbst im Dunkeln kann ich sehen, wie Bos Gesicht weiß vor Wut wird.
„Tut mir leid“, flüstere ich. „Tut mir leid. Tut mir leid …“
00:07 Uhr
Um mich herum ist es finster. Ich liege im Bett und schaue zur Zimmerdecke hinauf. Meine Füße sind die reinsten Eisblöcke. Bestimmt ist das der Grund, weshalb ich nicht einschlafen kann. Ich sollte aufstehen und mir ein paar dicke Socken holen. Doch dafür brauche ich Licht, und wenn ich das einschalte, wird Bo sofort wach. Der schlummert im Augenblick wie ein Murmeltier. Wider Erwarten schläft er nicht auf dem Sofa oder im Gästezimmer, sondern neben mir. Dafür dreht er mir den Rücken zu. Und dieser Rücken wirkt wie ein schroffes Nein in meine Richtung. Das ist beinahe schlimmer, als wenn er woanders übernachten würde. Und zum ersten Mal, seit ich ihn kenne, hat er sich etwas übergezogen. Aus Mangel an Unterwäsche trägt er tatsächlich eine schwarze Badehose im Bett. Das ist so etwas von albern. Vor allem, weil diese Badehose mehr zeigt, als verbirgt. Wenn die bei der Bundeswehr alle solche Hosen tragen, sollte ich mich vielleicht als Rekrut bei den Kampfschwimmern melden. Ich rutsche sachte einen halben Zentimeter an Bo heran. Der bemerkt nichts, sondern schläft ruhig weiter. Wie gerne würde ich mich an seinen Rücken kuscheln, den Arm um ihn legen und den Geruch seiner weichen Locken einatmen. Stattdessen fange ich an Schäfchen zu zählen, um endlich einzuschlafen. Vergebens. Die verdammten Schafe sind auch keine Hilfe und wollen lieber grasen als extra für mich über morsche und windschiefe Zäune hucken. Nachdem ich mich mindestens vierundsiebzig Mal umgedreht habe, um die ideale Einschlafposition zu finden, schlüpfe ich aus dem Bett. Ich greife mir meinen flauschigen Bademantel, schleiche aus dem Schlafzimmer und suche die Küche auf. Eingemummelt in den Mantel stelle ich mir einen Pott Milch in die Mikrowelle und suche nach der Whiskeyflasche. Als ich sie endlich finde, ist die Milch bereits heiß. Mit einem Eierlöffel aus orangefarbenem Plastik fische ich die eklige Milchhaut ab, füge ordentlich Honig und eine mehr als großzügige Portion Whiskey hinzu und kralle mich dann regelrecht an dem
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