Herzgesteuert: Roman (German Edition)
sich endlich mal jemand für sie interessiert!« Ein giftgetränkter Pfeil bohrt sich in mein Herz.
»Aber das ist nicht der richtige Umgang für sie!«
»Nein, das sehe ich auch so«, seufze ich. »Ich werde sofort mit Fanny reden! Wo ist sie denn? Auf ihrem Zimmer?« Schon stelle mein Glas ab und verlasse die Küche.
»An der Salzach«, ereifert sich mein Schwester-Huhn, und den Rest höre ich schon nicht mehr, weil ich sofort besorgt losrase.
13
I m Laufschritt durchquere ich den Park und sehe nur aus den Augenwinkeln den Penner auf der Bank sitzen. Irgendwie bin ich erleichtert, dass er doch nicht im Knast ist, andererseits habe ich auch einen ziemlichen Zorn auf ihn. Kann der sich nicht eine andere Bank suchen? Irgendwo, wo ich ihn nicht mehr sehen muss? Ich würdige ihn keines Blickes. Nun ist meine Tochter also so tief gesunken, dass sie sich mit dem Gesindel am Fluss herumtreibt. Erst der Penner, jetzt die Jugendbande. Das hätte ich nie von meiner intelligenten Tochter gedacht! Dabei hat sie sich in letzter Zeit so toll gemacht in der Schule! In Mathe eine Zwei! Das hatte sie noch nie!
Konnte sich mein kleines Mädchen in so kurzer Zeit in eine aufmüpfige Ratte verwandeln? Ist sie wegen der Pubertät dermaßen außer Kontrolle geraten? Na gut, sie hatte es auch nicht immer leicht mit der Scheidung und allem. Sie sucht ganz offensichtlich nach einer neuen Bezugsperson – von Christiane hat sie sich gottlob gelöst, aber von mir auch?
Was habe ich nur falsch gemacht? Völlig konfus bahne ich mir einen Weg durch die Menschenmassen, die sich an diesem warmen Sommertag durch die Mozartstadt schieben, und rempele hemmungslos die Leute an. Inzwischen haben die Festspiele begonnen, und man bekommt keinen Fuß mehr auf die Erde.
Wo ist mein kleines Mädchen?
Selbstvorwürfe quälen mich. Die überschnappende Stimme meiner Schwester verfolgt mich. Ich bin eine Rabenmutter! Sie entgleitet mir! Mit noch nicht dreizehn Jahren! Bis vor kurzem schlief sie noch mit ihrem Schmusekissen.
Um Gottes willen! Sie muss sofort zu einem Kinderpsychologen. Meine Tochter braucht Aufmerksamkeit, und dies ist ein stummer Hilfeschrei!
Ich hätte besser auf meine Tochter aufpassen müssen!
Wie von Furien gehetzt rase ich über die rote Ampel an der Staatsbrücke und wäre fast unter die Räder eines um die Ecke biegenden Busses geraten. Wildes Hupen und Reifenquietschen sind die Folge, ansonsten höre ich nur meinen eigenen, keuchenden Atem.
Rücksichtslos renne ich durch einen Haufen Tauben, die krächzend auseinander stieben. Das sind die Ratten der Lüfte! Überall Ratten.
Rechts von mir liegt das Cafe Bazaar in der Abendsonne, die üblichen Sehen-und-gesehen-werden-Leute sitzen da mit ihrem großen Braunen oder ihrem Verlängerten. Meine Lieblingskellner Wolfgang und Gerhard schauen mir erstaunt hinterher: Normalerweise komme ich hier supergestylt angestöckelt und setze mich langbeinig an einen der besten Tische, um sofort mit einem Bankdirektor oder Unternehmer ins Gespräch zu kommen, der sicher jemanden weiß, der eine Villa oder Liegenschaft am See sucht oder verhökert.
Doch heute ist mir nicht nach »Servus Bussi baa baa«.
WO IST MEIN KIND?
Keuchend bleibe ich auf dem Mozartsteg stehen und lehne mich mit zusammengekniffenen Augen über das Geländer. Hunderte von Touristen schieben und drängeln sich, fotografierend und das Stadtpanorama bestaunend, an mir vorbei.
Da unten ist er.
Der schwarze Fleck.
Blutjunge Mädels und pubertäre Bengels in schwarzen Klamotten liegen da im Gras oder taumeln herum. Manche prügeln sich, andere stapeln sich in eindeutiger Stellung übereinander. Überall Bierdosen. Es riecht nach Hasch , und jetzt fällt mir der süßliche Geruch vorhin in der Küche wieder ein!
Einige Touristen entdecken den Pulk junger Nichtsnutze, manche lachen, die meisten schütteln fassungslos den Kopf. Die Japaner fotografieren das Knäuel.
Das ist beschämend. Unsere Jugend in unserer Vorzeigestadt!
Dass der Bürgermeister das duldet! Und die Frau Landesrätin, die Polizei! Oder wen auch immer ich dafür zur Rechenschaft ziehen möchte!
O Leute! Wenn mein Kind dabei ist … Ich balle die Fäuste. Was dann?
Wen kann ich verantwortlich machen, wenn nicht mich selbst !
Ausgerechnet am schönsten Fleck, auf dem Mozartsteg, über den schon Wolfgang Amadeus gelustwandelt ist, hat man nun Aussicht auf vollgekiffte, besoffene Jugendliche, die die Schule schwänzen!
Kinder sind das, Kinder !
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