Idol
sind. Doch wenn er verärgert ist, werden sie plötzlich hart, und dann könnte
ich schon auf einen einzigen Blick hin in den Erdboden versinken. Wenn er mich so durchbohrend ansieht, zittere ich nicht
nur vor Angst, sondern auch vor Lust. So sind wir Mädchen: total übergeschnappt alle miteinander, keine besser |55| als die andere. Der gesellschaftliche Rang hat dabei nichts zu sagen. Die Signora Vittoria träumt nur von ihren Helden, und
ich hab meine bösen Buben im Kopf: meinen Bruder
il mancino
und jenen anderen, den ich nicht nennen will.
Marcello Accoramboni:
Am 15. Juli 1580 habe ich Recanati niedergestochen: ich hatte gute Gründe dafür, obwohl manch einer sie belanglos finden wird.
Zweieinhalb Monate zuvor hatte ich entschieden, daß Recanati sterben müsse. Aber ich fahndete nicht nach ihm. Ich lauerte
ihm nicht auf. Ich hatte mich entschlossen, alles dem Zufall zu überlassen. Und wäre er nicht zufällig und auf so wundersame
Weise vor dem 30. Juli in Reichweite meines Dolches geraten, hätte ich auf mein Vorhaben verzichtet.
Ich hatte mir den 30. Juli als äußersten Termin für seine Hinrichtung gesetzt. Nach diesem Datum hätte ich den Schwätzer verschont.
Warum gerade den 30. Juli? Aus Spielerei. Da ich Recanati nichts als Worte vorzuwerfen hatte, sollte der Zufall entscheiden,
ob er zu leben verdient oder nicht. Kurz und gut, ich wollte ihm eine Chance geben, seine elende Haut zu retten. Aus ebendem
Grund ließ ich ihm durch
il mancino
ausrichten, er solle mir aus dem Weg gehen, wenn er nicht möchte, daß ich ihm seine Worte in die Kehle zurückstopfe. Der Narr,
er hat darüber nur gelacht! Das Sprichwort sagt ganz richtig: »Mit Blindheit schlägt das Glück, den es verderben will!« Diesen
Satz hätte ich seinerzeit, als ich mit Vittoria bei einem Franziskanermönch studierte, auf lateinisch sagen können. Aber ich
habe inzwischen alles Gelernte wieder vergessen. Sie natürlich erinnert sich an alles.
Sie und ich, wir sind so verschieden und doch so ähnlich. Ich bin eine Stunde nach ihr geboren. Der Pfarrer, der uns getauft
hat, soll Zwillinge – zumal wenn sie von unterschiedlichem Geschlecht waren – sehr ungern gesehen haben. Er meinte, die enge
Berührung eines Jungen mit einem Mädchen im Leib der Mutter sei nicht gut, und sagte Tarquinia voraus, einer von uns beiden
würde schwachsinnig sein oder in jungen Jahren sterben. Gestorben ist keiner von uns, und es hält mich |56| auch niemand für einen Idioten. Doch ich dachte lange Zeit und denke noch, daß nur Vittoria wirklich intelligent ist. Die
Seele ist noch schlechter unter uns aufgeteilt. Wir haben beide zusammen nur eine. Und die hat Vittoria abbekommen. Ich selbst
habe nur Instinkte.
Da ich sehr dunkel bin, Vittoria dagegen überall in Gubbio wegen ihrer goldenen Haarpracht gerühmt wurde – mit der man zweimal
wöchentlich in unserer kleinen Stadt einen quasi öffentlichen Kult trieb –, hielt ich mich in meiner Kindheit für häßlich;
ich war glücklich, es zu sein und versteckt zu Vittorias Füßen zu leben, bis mir mit den Jahren bewußt wurde, daß mich die
Frauen – alle Frauen – mit ihren Blicken förmlich verschlangen. Als ich ins Mannesalter kam, verschlimmerte sich das noch:
die Frauen klammerten sich wie mit Fangarmen an mich. Ihre Augen, ihr Lächeln, ihre süßen Worte, alles klebte wie Leim an
mir. Das entsetzte mich um so mehr, als zwischen Vittoria und mir trotz der großen Zuneigung, die wir füreinander empfanden,
strengste Zurückhaltung herrschte. Wie auf Verabredung hielten wir, die wir vor unserer Geburt einander so nahe gewesen waren,
peinlich darauf, körperliche Berührungen zu vermeiden – mehr, als zwischen Bruder und Schwester gemeinhin üblich –, so daß
ich mich nicht erinnern kann, Vittoria jemals umarmt oder auch nur mit den Fingerspitzen berührt zu haben.
Es wäre dumm, daraus zu schließen, daß ich den weiblichen Körper hasse. Um es ganz deutlich zu sagen: ich mag es sehr gern,
wollüstig in ihn einzudringen, und es tut mir wohl, seine Weichheit mit meinem Gewicht und meinen Muskeln zu erdrücken. Doch
das ist diesem unersättlichen Geschlecht nicht genug. Es muß mich auch noch lieben, mir das sagen, an mir kleben. Ich finde
diese vereinnahmende Liebe unerträglich. Ich sehe darin eine Beleidigung der distanzierten, edlen, gleichsam überirdischen
Liebe, die ich für Vittoria fühle.
Die Sache mit Recanati
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