Idol
abzutrocknen und eine Erfrischung zu sich zu nehmen. Ich finde
es hier windig, wild und trotz der hellen Sonne ziemlich unheimlich. Kaum zehn Schritte trennen das Haus von der Steilküste,
die an dieser Stelle etwas überhängt. Die Tiefe unter uns ist schwindelerregend. Um nichts auf der Welt würde ich, wie die
Signora, an den Felsenvorsprung herantreten, unter dem der Abgrund gähnt und sich die Wellen an den Klippen brechen. Der schmale
Streifen Land ist von hartem Gras bedeckt, das bei Regenwetter glitschig sein wird. Rechts beginnen die in den Fels gehauenen
Stufen, die zu der kleinen Bucht hinunterführen.
Am nächsten Morgen ist der Himmel endlich klar, und die Sonne scheint warm hernieder; so beschließt die Signora zu baden,
denn nach der ersten Nacht in dem Häuschen hat sie ihre frühere Tatkraft zurückgewonnen. Natürlich muß ich sie begleiten und
hinter ihr die schrecklichen Stufen hinabsteigen. Ich sterbe fast vor Angst. Und was finde ich unten? Einen winzigen Strand
fünf Schritt breit und zehn Schritt tief, mit einer kleinen Grotte.
»Also ist das Steilufer unterhöhlt und wird bald einstürzen«, sage ich.
»Come sei stupida!«
1 erwidert die Signora. »In zwei- oder dreihundert Jahren vielleicht. Oder noch nicht einmal dann!«
Aber es wird ihr heimgezahlt, daß sie mich wie einen Dummkopf behandelt. Sie hat kaum den Fuß benetzt, als sie ihn auch schon
zurückzieht: das Wasser ist eisig. Obendrein liegt der kleine Strand morgens im Schatten, so daß sie in ihrem dünnen Hemd
friert. Wir steigen wieder nach oben, und obwohl der Aufstieg weniger schwindelerregend ist als der Abstieg, leide ich wiederum.
Oben werfe ich mich in das harte Gras und weine.
»Man würde nicht denken, daß du eine Fischerstochter bist«, sagt die Signora.
|153| Sie hat wieder schlechte Laune. Ihr mißglücktes Bad verdrießt sie. Am folgenden Tag, dem 12. Mai, ist alles noch schlimmer.
Als ich die Fensterläden öffne – sie lassen sich gottlob von innen öffnen –, ist kein Stückchen blauer Himmel zu sehen. Alles
grau in grau. Tiefe dräuende Wolken, und das Meer dunkelviolett mit weißen Schaumkronen. Es ist sehr frisch. Immer wieder
peitscht der Wind den Regen gegen die Scheiben. Nachdem ich die Fensterläden zurückgeschlagen habe, ziehe ich den roten Seidenvorhang
auf, der das Zimmer teilt, schüre das Feuer in den beiden Kaminen und mache die Betten. Die Signora steht am Fenster und schaut
aufs Meer. Als ich meine Arbeiten erledigt habe, fängt sie an, in dem kleinen Zimmer auf und ab zu gehen; sie seufzt verhalten,
setzt sich vor den Kamin und vertieft sich in ihren Petrarca.
Ich weiß genau, was los ist. Mit der Begeisterung für das Häuschen und die »beiden Kamine, die sich so lustig gegenüberstehen«
ist es bereits vorbei. Jetzt findet sie die Mauern zum Ersticken. Die Nähe des Meeres, die ihr vorgestern so gefiel, bedrückt
sie. Sie sehnt sich nach dem Palazzo Rusticucci. Vielleicht sogar nach dem Palazzo Santa Maria? Aber das würde sie nie zugeben.
Dafür ist sie viel zu stolz. Sie versinkt wieder in ihre Stummheit und widmet sich ihrem Buch. Sie sagt kein Wort, und das
bedeutet: ich habe ebenfalls zu schweigen. Was mir sehr unangenehm ist. Erstens, weil ich schwatzhaft, und zweitens, weil
ich ängstlich bin. An diesem Abend soll ich bei einbrechender Dunkelheit die Kerzen ins Fenster stellen, und zwar, wie Domenico
betont hat, »bei jedem Wetter«.
Das Wetter eben ist es, das mich beunruhigt. Ich stehe hinter dem Sessel meiner Herrin und hänge trüben Gedanken nach, während
ich ihr Haar bürste. Das dauert eine reichliche Stunde und verlangt geschickte Hände, denn die Signora hat einen sehr empfindlichen
Kopf in Anbetracht der Last, die sie zu tragen hat. Ich ziehe meine Beschäftigung möglichst in die Länge, aus Angst, hinterher
nichts mehr zu tun zu haben, wovor mir graut. Leider wird die Signora, die offenbar auch sehr entnervt ist, ungeduldig und
gebietet mir mit einer Handbewegung, aufzuhören. Ich packe die Bürste weg und räume den Frisiertisch auf. So, das ist geschafft;
nun habe ich nichts mehr zu erledigen. Waschen und Bügeln sind nicht meine Aufgabe. Dafür gibt es im Palazzo eine andere Kammerzofe.
Zum ersten |154| Mal bedauere ich, daß nicht auch diese Dienste mir zufallen. Sie würden mich ablenken und daran hindern, mir das Herz mit
dummen Gedanken schwerzumachen. Ich habe zu viel Phantasie: ich sehe, wie mein
Weitere Kostenlose Bücher