Idol
wie sie meinen Vorschlag aufnehmen würde. Meine Mutter hat recht: diese adligen Damen sind
stolz. Sie fühlen sich verpflichtet, wohlerzogen und tugendhaft zu sein. Am Ende werde ich ihr vielleicht überhaupt nichts
sagen, es sei denn, sie sperrt sich, in das Häuschen umzuziehen.
Dio mio
, das Leben ist schon komisch! Ich, die ich Signor Peretti so sehr schätze, leiste der Untreue seiner Frau Vorschub. So etwas
würde ich sonst nie tun, aber mein Bruder und Marcello machen mit mir, was sie wollen.
Für die Klausur im Palazzo Rusticucci und den Aufenthalt in Santa Maria gibt die Signora allein Pfarrer Racasi die Schuld.
Sie ahnt nichts von meinen Verbindungen zum Kardinal. Mehr noch: ich bin jetzt ihre einzige Vertraute. Seit ihrer Weigerung,
die Mahlzeiten gemeinsam mit Signor Peretti und Giulietta einzunehmen, muß ich mit ihr auf ihrem Zimmer speisen. Und jeden
Tag schenkt sie mir ein Stück Wäsche oder Schmuck. Manchmal schäme ich mich. Sie ist so gut und großzügig. Ist sie es wirklich?
Ja und nein. Zu mir immer! Doch zu Signor Peretti?
Am 10. Mai frühmorgens fordere ich den Majordomus auf, das Häuschen an der Steilküste gründlich saubermachen und ein großes
Kaminfeuer anzünden zu lassen. Und während die Signora an ihrem Frisiertisch sitzt und ich ihr Haar ordne, teile ich ihr meine
»Entdeckung« mit. Da sie seit einer Woche nicht mehr das Zimmer verlassen hat und sich trotz ihres Petrarca zu Tode langweilt,
zeigt sie sich interessiert. Sie macht jedoch Einwände: sie will nicht durch den Park gehen, wo die Soldaten kampieren, sie
will ihre Kerkermeister nicht sehen müssen.
»Aber Signora, dort sind sie ja gar nicht. An der Ringmauer führt ein Weg entlang, den bin ich gegangen. Und ich habe keinen
einzigen Soldaten gesehen«, beteuere ich.
|151| Ich sage ihr wohlweislich nicht, daß die Soldaten mich gesehen haben müssen, denn auch oben auf der Mauer führt ein Weg entlang,
dessen Wachttürme mit Sicherheit von Posten besetzt sind.
Meine Gründe oder einfach das Verlangen, sich die Beine zu vertreten – zum ersten Mal in diesem verregneten Frühling scheint
die Sonne –, überzeugen die Signora schließlich. Ich führe sie zu dem Häuschen. Sie besichtigt es und ist gewonnen! Sie findet
sogar die Sprache wieder! Es riecht hier weniger modrig als im Palazzo und ist auch bei weitem nicht so feucht. Und die beiden
Kamine, die sich so lustig gegenüberstehen – wie hübsch! Und man ist so dicht am Meer, daß man sich fast wie auf dem Wasser
fühlt. Und außerdem, wozu braucht sie einen Palazzo, der ja doch nur ein Gefängnis für sie ist? Eine einfache Hütte genügt
ihr. Sie hat die Einsamkeit niemals gefürchtet und Gott sei Dank auch nicht die Armut.
Ich sage zu allem ja und amen. Aber ich denke mir mein Teil. Sie redet von »Armut« – bei den Mahlzeiten, die man uns serviert!
Und von »Hütte«! Da sieht man, daß sie nie einen Fuß in mein Geburtshaus in Grottammare gesetzt hat! Für mich ist diese »Hütte«
ein richtiger Palast!
Ich muß ihr gar nicht erst einreden, dorthin umzuziehen. Sie hat sich kurzerhand selbst so entschieden. Sie fragt nicht einmal
Signor Peretti nach seiner Meinung, fest davon überzeugt, daß er es nicht wagen würde, sich ihrem Vorhaben zu widersetzen.
Sie zitiert den Majordomus zu sich und erteilt ihm ihre Befehle. Er soll alles Nötige hinbringen lassen: Teppiche, Wandbehänge,
ihren Frisiertisch, ihre Truhen und zwei Betten. Das alles hat umgehend zu geschehen! Sofort! Wenn die Signora auf diese Weise
herumkommandiert, erinnert sie mich an ihre Mutter.
An diesem 10. Mai ist die Signora den ganzen Tag heiter und geschäftig. Sie leitet den Umzug persönlich. Den Frisiertisch
soll man dahin stellen! Nein, lieber dorthin! Das Bett würde viel besser in die andere Ecke passen! Ist die Zisterne auch
gefüllt? Sie ist es. Man soll Holz in den Schuppen bringen. Wir haben bald genug für den ganzen Winter. Das Gestrüpp vor dem
Haus muß abgeschnitten werden! Schon erledigt. Aber das hinten soll nicht angerührt werden: Es verdeckt uns den ihr so verhaßten
Ausblick auf Santa Maria.
|152| Ich habe nicht übel Lust, ihr zu sagen, daß dieser Ausblick sie ohnehin nicht verdrießen kann, weil das Haus nach dort keine
Fenster hat. Ich werde ihr aber nicht sagen, daß dieses Fleckchen Erde mir sehr geeignet erscheint für die Zwecke, für die
der Bischof es nutzte: sich zu entkleiden, sich nach dem Baden
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