Idol
jedem Blitz. Wie schön wäre es, wenn
auch die Signora Angst hätte und wir eng zusammenrücken würden, um uns gegenseitig zu beruhigen. Im Winter, im Palazzo Rusticucci,
läßt die Signora, die immer friert (während mir immer heiß ist), mich manchmal zu sich ins Bett kommen. Und wie glücklich
bin ich dann jedesmal!
Ich blicke verstohlen zu ihr hin. Sie zuckt nicht einmal zusammen, wenn ein Blitz unsere Fenster erleuchtet und der Donner
rollt und grollt wie am Jüngsten Tag. Die Signora sitzt auf ihrem Sessel, ruhig und still wie die Madonna, die Füße auf einen
Schemel gestützt, das goldene Haar über die Sessellehne geworfen. Ich habe es sorgfältig hinter ihr auf dem Teppich ausgebreitet.
Denn wenn sich die Haarsträhnen verfitzten, müßte ich sie wieder entwirren; und das ist eine Hundearbeit.
Sie trägt ein blaßblaues Hauskleid ohne Mieder und Hüftpolster, in dem sie sich frei und ungezwungen bewegen kann. Sie ist
schön und vollkommen. Obwohl ich nun schon seit Jahren fast ständig um sie bin, habe ich mich immer noch nicht an ihre Schönheit
gewöhnt. Manchmal, wenn ich sie ansehe, traue ich meinen Augen nicht und denke: Es kann doch gar nicht sein, daß eine Frau
so schön ist.
Die tobende See, der heulende Wind, die krachenden Blitze – nichts jagt ihr Furcht ein. Sie liest oder träumt vor sich hin.
Von Zeit zu Zeit läßt sie ihr Buch in den Schoß sinken und starrt ins Leere, wobei sie leicht die Lippen bewegt. Man könnte
denken, sie betet. Aber in Wirklichkeit betet sie nicht; ich weiß, was sie macht: sie lernt ein Sonett ihres Petrarca auswendig.
Im Palazzo Rusticucci hat sie manchmal laut rezitiert, während wir alle damit beschäftigt waren, ihr Haar in einem Zuber zu
waschen. Es klingt sehr schön, wie sie das aufsagt, aber es ist ein Italienisch, das ich nicht verstehe.
Am späten Nachmittag höre ich vor dem Haus ein Geräusch. Ich schaue aus dem Fenster und erblicke Signor Peretti, dem der Regen
von Kopf und Schultern trieft. Es klopft, doch als |157| ich auf Vittorias Zeichen hin öffne, tritt nicht der Signore herein, sondern der Majordomus. Ich beeile mich, die Tür hinter
ihm wieder zu schließen, was mir nur mit Mühe gelingt: mit meinem ganzen Gewicht muß ich mich dagegenstemmen und mit aller
Kraft gegen den Seewind ankämpfen.
»Signora«, sagt der Majordomus mit einer tiefen Verneigung, »Signor Peretti bittet Euch inständig, wegen des heftigen Unwetters
die kommende Nacht im Palazzo zu verbringen.«
»Richte ihm meinen Dank aus«, erwidert die Signora mit einem Anflug von Hochmut, »doch das Haus ist fest. Ich fühle mich hier
genauso sicher wie im Palazzo.«
»Signora«, fleht der Majordomus in großer Verwirrung, »der Herr hat mir aufgetragen, Euch die Rückkehr in den Palazzo mit
größter Dringlichkeit nahezulegen.«
»Damit könnt Ihr nichts ausrichten«, meint Vittoria und lächelt geringschätzig. »Mein Entschluß steht fest: ich bleibe hier.«
Er verbeugt sich und geht. Ich öffne die Tür nur spaltbreit und schließe sie gleich wieder. Durch das Fenster kann ich sehen,
wie er Signor Peretti etwas ins Ohr schreit, um gegen den infernalischen Lärm von Wind und See anzukommen. Der Signore scheint
sich zu fragen, ob er nicht selbst eintreten und mit der Signora reden solle, denn ich sehe ihn zwei Schritte auf unsere Tür
zu machen. Im letzten Moment besinnt er sich, kehrt um und geht weg. Das hätte er nicht tun dürfen, glaube ich.
Ich werde in meiner Meinung bestärkt, als die Signora kurz darauf von ihrem Buch aufblickt und zu mir sagt:
»Was ist mein Mann doch für eine traurige Figur! Er fürchtet sich vorm Regen und ein paar harmlosen Blitzen. Statt selbst
zu kommen, schickt er mir den Majordomus.«
»Nein, Signora«, sage ich, »Signor Peretti hat keine Angst gehabt. Ich habe ihn durchs Fenster gesehen. Er troff vor Nässe.
Er hat nur nicht gewagt einzutreten: Ihr habt ihm doch den Zutritt verboten.«
Die Signora blickt mich an, und plötzlich füllen sich ihre großen blauen Augen mit Tränen.
»Wie!« klagt sie mit versagender Stimme. »Auch du, Caterina? Auch du stellst dich gegen mich?«
Ihr Ton, ihre Tränen, ihr Blick verwirren mich. Ich werfe mich ihr zu Füßen. Ich nehme ihre Hände und bedecke sie mit Küssen.
|158| »Oh, nein, Signora«, rufe ich, »niemals! Ich werde immer zu Euch halten, was auch geschehen mag!«
Und ich beginne zu weinen. Sie befreit ihre Hände und streicht mir
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