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Idol

Idol

Titel: Idol Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: R Merle
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Ohrfeigen, sondern wegen meiner Aufsässigkeit.
    »Du tust, was ich gesagt habe?«
    »Ja, Domenico.«
    »Na siehst du, Caterina, bist ein braves Mädchen. Aber hüte deine Zunge: sie ist flinker als dein Grips.«
    Er legt die Arme um meine Schultern, zieht mich an sich und drückt mich. Mein Bruder ist höchstens ein oder zwei Zoll größer
     als ich und sehr hager. Ich bin bestimmt fülliger als er; doch ich fühle mich in seinen Armen dahinschmelzen. Er ist so stark.
     Er küßt mich, nicht auf die Wange, sondern wie es seine Gewohnheit ist: hinters Ohr und auf den Hals. Von meinen sechs Geschwistern
     ist
il mancino
der einzige, der mir jemals Zuneigung bezeigt hat. Es war ein trauriger Tag für mich, als meine Mutter mich aus seinem Bett
     vertrieb und mich zu den Schwestern steckte. Hatte Domenico nichts zu tun, schnitzte er mir Holzpuppen. Und später, wenn er
     als Bandit (weswegen ich ihn sehr bewunderte) manchmal in Grottammare Zuflucht suchen mußte, steckte er mir jedesmal, bevor
     er wieder fortzog, eine Münze zu:
» Hier, bambola mia
1 , kauf dir Bonbons.« Und das, obwohl er meist sehr knapp bei Kasse war.
    Das Metier eines Banditen ist nicht so einträglich, wie man denkt. Pfarrer Racasi sagt, es sei abscheulich, von den Frauen |147| zu leben, und da er ein kluger Mann ist, wird er sicher recht haben. Doch es bringt mehr ein, und das Risiko ist geringer.
    Pfarrer Racasi mußte wegen seiner Gemeinde in Rom bleiben, und der Kardinal hat uns statt seiner einen Franziskaner als Beichtvater
     mitgegeben: Pater Barichelli. Er ist brünett, noch jung, sein üppiges Haar, sein Bart bedecken ihm Stirn und Gesicht bis auf
     die Augen fast völlig. Ich habe ihm schon einmal gebeichtet, sehr wohl ahnend, warum er hier ist. Vor der Absolution riet
     er mir, eingedenk zu sein, daß mein Körper »nichts weiter ist als eine Handvoll Erde und wieder zu Staub zerfallen wird«.
     Das ist bestimmt richtig. Doch nach der Art und Weise zu urteilen, wie die Männer mich mit Blicken liebkosen, muß die Erde,
     aus der ich gemacht bin, hübsch anzusehen sein. Und wenn Pater Barichelli in meiner Gegenwart die Lider senkt, frage ich mich,
     ob er sich sammeln oder nach meinen Brüsten schielen will. Wenn es zur inneren Sammlung geschieht, wie ich glauben möchte,
     versteh ich nicht, warum seine Nasenflügel so beben.
    Die Signora lehnt es ab, Pater Barichelli zu sehen, weil man ihren Beichtvater ausgetauscht hat, ohne sie zu fragen. Das ist
     offensichtlich nur ein Vorwand, denn in Rom, im Palazzo Rusticucci, hatte sie seit der Klausur auch Pfarrer Racasi nicht mehr
     vorgelassen, der für diese Maßnahme vermutlich mit verantwortlich war.
    Noch am Nachmittag des Tages, da mir
il mancino
seine Befehle erteilt hatte, ging ich zweimal zum Wachtturm: das erste Mal auf Katzenpfoten, um zu sehen, ob jemand da sei;
     das zweite Mal mit festem Schritt und mit Wein für den Wachposten. Es war ein junger Soldat der päpstlichen Truppe, weder
     häßlich noch schmutzig, doch sehr schüchtern und so beeindruckt von meinen Manieren und meiner gewählten Ausdrucksweise, daß
     er sich nur an die Weinflasche traute. Einerseits schmeichelte mir das, andererseits war ich ein bißchen enttäuscht. Ich ließ
     ihn trinken, nahm die Flasche aber beim Weggehen wieder mit, und er mußte mir schwören, niemandem etwas von meinem Besuch
     zu verraten. Durch geschickte Fragen bekam ich heraus, daß die Wache vom Morgengrauen bis zum Anbruch der Nacht dauere. Ich
     erfuhr auch, daß es Aufgabe des Wachpostens sei, Alarm zu schlagen, sobald sich ein Segelschiff der Küste näherte und ein
     Boot zu Wasser gelassen wurde.
    |148|
Il mancino
hörte mir schweigend und mit unbewegter Miene zu, als ich ihm diese Auskünfte hinterbrachte. Zwei Tage später, am 5. Mai,
     verabschiedete er sich von mir: er müsse nach Rom reiten und dem Kardinal einen Brief von Signor Peretti überbringen. Er war
     bereits am 8. Mai wieder zurück, und als ich tags darauf im Schuppen Holz für die Signora holen wollte – es war noch immer
     ziemlich kühl –, schlich er sich hinter mich, drückte mir die Hand auf den Mund und küßte mich auf den Hals. An diesem Kuß
     erkannte ich ihn.
    »Caterina, ich habe zwei Aufträge für dich. Der erste: am Ende des Parks, auf der Klippe, nahe den Stufen, die in den Fels
     gehauen sind und zur Bucht hinunterführen, steht ein kleines Haus. Es ist verschließbar, das Dach ist in Ordnung, und es hat
     zwei Kamine, an jedem Giebel

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