Idol
einen. Der Bischof nutzte es früher, um sich dort für sein Bad in der Bucht zu entkleiden und
sich hinterher abzutrocknen und wieder anzuziehen. Daher die beiden Kamine. Du sollst es dir ansehen und Vittoria überreden,
in das Häuschen überzusiedeln. Frag mich nicht, warum«, fuhr er barsch fort. »Darauf geb ich dir keine Antwort.«
»Ich will es versuchen«, sagte ich, »aber das wird schwierig werden: die Signora ist nicht so leicht zu beeinflussen.«
»Du mußt hartnäckig sein«, verlangte er mit einem gewissen Unterton und ein bißchen geheimnisvoll.
Seine Worte jagten mir Schauer über den Rücken. »Wenn die Signora einwilligt, mußt du natürlich auch dort wohnen. Es gibt
zwei Zimmer, oder genauer: einen durch einen Vorhang geteilten großen Raum, den zwei Fenster erhellen. Sie gehen auf das Meer.
In der Nacht vom 12. zum 13. Mai sollst du, bei jedem Wetter, so viele Kerzen wie möglich in die Fenster stellen – das ist
mein zweiter Auftrag. Die Fensterläden darfst du natürlich nicht schließen!«
»Und wie soll ich der Signora all die Lichter plausibel machen?«
Il mancino
drehte sich ruckartig zu mir herum und sah mich kalt an.
»Was du ihr erzählst, ist deine Sache«, erwiderte er schroff. »Von dieser Minute an ist das deine Sache und geht mich nichts
mehr an. Ich jedenfalls habe dir nichts gesagt. Hörst du, Caterina, nichts von dem, was du eben vernommen hast, habe ich dir
gesagt. Morgen reite ich nach Rom zurück.«
|149| »Schon wieder!« rief ich und warf mich in seine Arme. Er zog mich fest an sich, drückte mir den üblichen kleinen Kuß auf den
Hals und verschwand auf leisen Sohlen, ohne weitere Erklärungen. Als er weg war und ich das Gesagte überdachte, zitterte ich
vor Freude, Erwartung und Angst. Mein Aufenthalt in Santa Maria nahm eine ganz neue Wendung.
Glücklicherweise blieb mir etwas Zeit, um die Signora zu bewegen, sich in dem Häuschen am Steilufer einzurichten. Ich bat
den Majordomus, mir eine Besichtigung zu erlauben. Ich lächelte ihm zwei-, dreimal kurz zu: schon hatte ich seine Einwilligung.
Das Häuschen gefiel mir. Auf meine Bitte ließ der Majordomus die beiden Kamine anheizen. Sie ziehen sehr gut. Als das Feuer
prasselte, schickte er den ihn begleitenden Diener weg und fing an, zärtlich zu werden. Ich ließ ihn gewähren, denn ich brauchte
ihn nur anzusehen, um zu wissen, daß er nicht lange durchhalten würde. Und tatsächlich fing er bald an zu keuchen und hörte
von selbst auf. Trotzdem sah er ganz zufrieden aus und bedankte sich für meine Gefälligkeit. Ich bat ihn, mir den Hausschlüssel
zu geben.
Ich traute mich jedoch nicht, der Signora schon davon zu erzählen. Ihre schlechte Laune hat sich nicht gebessert. Sie macht
den Mund nicht auf und hat Signor Peretti, Pater Barichelli und sogar Giulietta den Zutritt zu ihrem Zimmer verboten.
Während ihrer Auseinandersetzung mit Giulietta habe ich an der Tür gelauscht. Arme Giulietta! Was mußte sie auch den Kardinal
und Signor Peretti gegenüber ihrer Cousine in Schutz nehmen? Immer schwingt sie sich zum Richter über andere auf! Ich hab
es schon einmal gesagt, glaub ich: mir wirft sie vor, meinen Busen zur Schau zu stellen. Ich seh nicht recht, was sie zur
Schau stellen könnte! Giulietta wird immer mehr eine alte Jungfer! Dabei ist sie gar nicht häßlich, nur etwas mager. Vittoria
ist einfach zu schön. Giulietta ist im Schatten dieser schönen Pflanze, die ihr die Sonne nahm, aufgewachsen und daher verkümmert.
Wenn sie neben ihrer Cousine steht, wer hätte da wohl Augen für sie? Eine Frau braucht von Geburt an die Blicke der Männer:
das ist die Wärme, in der sie gedeiht.
Manchmal werde ich von Entsetzen gepackt bei dem Gedanken, eines Tages alt zu sein und ohne diese Wärme leben zu müssen. Pater
Barichelli hält sich für sehr gewitzt, wenn er mir |150| bei der Beichte die Qualen der Hölle androht. Aber meine Hölle wartet bereits zu Lebzeiten auf mich – ich brauch nur zu denken:
Eines Tages bist du alt.
Der Wachtturm, das Häuschen am Steilufer, die Kerzen in den Fenstern, die Stufen zu der kleinen Bucht … Ich bin nicht dumm
und weiß genau, wer in der Nacht vom 12. zum 13. diesen Weg kommen soll. Ich hoffe nur, er ist nicht allein.
Ich zögere noch, dem Auftrag des
mancino
gemäß mit der Signora zu reden. Da sie keinen zweiten Brief erhalten hat (ich wüßte davon!) und sich für »nicht schuldig«
erklärt, bin ich mir nicht sicher,
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