Im Kühlfach nebenan
brummten alle
gleichzeitig los. Die Herzströme, Hirnströme, der Blutdruck und der Puls schienen verrückt zu |19| spielen. Es dauerte exakt dreieinhalb Sekunden bis zur Ankunft des ersten Intensivpflegers, zwanzig weitere Sekunden bis zur
zweiten Krankenschwester und nur geringfügig länger, bis ein Arzt das Zimmer betrat. Alle beugten sich über die Patientin,
betrachteten aufgeregt die weißen Verbände, glotzten dann zu den Geräten, zurück zur Mumie und warfen sich gegenseitig fragende
Blicke zu. Bis auf den Arzt natürlich. Der blickte nicht fragend, sondern anklagend.
»Was haben Sie gemacht?«, herrschte er den pickeligen Pfleger an.
»Nichts«, verteidigte er sich. »Der Alarm ging los, während niemand im Zimmer war.« Das war natürlich Quatsch, aber das konnte
der arme Mumienwächter nicht wissen. Ich lotste Marlene aus dem Zimmer heraus und bezog mit ihr Position vor der Scheibe,
durch die wir die Vorgänge in dem Krankenzimmer verfolgen konnten.
»Waren wir das?«, fragte Marlene. Wir? Ha! Hatte ich sie nicht vorher gewarnt? Ich jedenfalls hatte keine Interferenz mit
irgendeinem Gerät gehabt, da war ich mir sehr sicher. In den Wochen, die Martin auf der Intensivstation verbracht hatte, war
mir die Einhaltung absoluter Funkstille zur zweiten Natur geworden. Na gut, ein paar Ausrutscher hatte es gegeben. Zum Beispiel
als Martin nach langer Narkose endlich aufwachte und sich mit den für ihn völlig untypischen Worten »verpiss dich« unter den
Lebenden zurückmeldete. Da konnte ich mich nun wirklich nicht beherrschen und bin etwas ärgerlich geworden. Der daraufhin
ausgelöste Alarm rief sämtliche Stationsschwestern und drei Ärzte herbei. Danach wurde ich vorsichtiger, trotzdem kam es noch
zweimal zu ungeplanten Zwischenfällen. Nach dem letzten Geisteralarm, wie die resolute Schwester die grundlose |20| Panikmache unwissend, aber zutreffend genannt hatte, wurden alle Überwachungsgeräte ausgetauscht.
Heute jedenfalls war ich nicht schuld. »Du musst dich zurückhalten wie beim …« Zipfeln, wenn du noch nicht kommen darfst, hatte ich sagen wollen, aber ich hatte ja nicht nur eine Frau vor mir, sondern
noch dazu eine Nonne. Woher sollte die wissen, was ich damit meinte?
»Halt einfach alle deine Gedanken und Gefühle ganz bei dir«, sagte ich also und hoffte, dass sie das checkte. »Aber wie soll
ich dann mit Martha Kontakt aufnehmen?«, fragte sie verwirrt. Tja, ich fürchtete, dass jetzt der Moment der Wahrheit gekommen
war.
»Vielleicht gar nicht«, sagte ich. »Ich jedenfalls kann nur zu einem einzigen Menschen Kontakt aufnehmen. Er heißt Martin
und liegt im Zimmer dreiundsiebzig.« Marlene schwieg betroffen. »Hast du einen Kontakt herstellen können, bevor Martha ins
Krankenhaus kam?«, fragte ich. »Nein.«
»Hast du es denn überhaupt versucht?« Von Marlene kam keine klare Antwort. Sie starrte durch die Scheibe auf den Arzt und
die beiden Pfleger, die sich zwar inzwischen beruhigt hatten, aber nach wie vor mit verständnislosen Mienen die Geräte anstarrten.
Alle Werte waren wieder normal.
»Ich habe mich um das Schicksal der Zurückgebliebenen nicht gekümmert«, flüsterte Marlene. »Ich war damit beschäftigt, den
Weg in den Himmel zu finden.« Krass, oder? So viel also zum Thema Nächstenliebe, Klostergemeinschaft und dem ganzen heiligen
Geschwafel. Wenn es darauf ankommt, will auch eine kleine, dicke Nonne die Erste an der Himmelstür sein. Natürlich war es |21| bei mir ganz genauso gewesen, aber ich war zu Lebzeiten ein begnadeter Autodieb und kein gnadenreicher Mönch. Von mir wurde
nicht erwartet, dass ich mich irgendwie korrekt verhalte – und das habe ich auch nicht getan.
»Was machen wir jetzt?«, fragte Marlene verzagt. Okay, die Nonne tat mir leid. Ich erwähnte ja bereits, dass ich verweichlicht
war. Außerdem war mir sterbenslangweilig, und das ist eine unterirdisch gruselige Qual, wenn man nicht einmal mehr sterben
kann, um von der Langeweile erlöst zu werden. Aber hier kam die ultimative Abwechslung. Ein Mordfall. Außerdem eine völlig
vergeistigte Nonne (treffend getextet, oder?) und die Gelegenheit, mal wieder über etwas anderes als Blutwerte, Thrombosespritzen
und Martins Frotteeschlafanzug nachzudenken. Also überließ ich Marlene nicht sich selbst und ihrem schlechten Gewissen, sondern
legte ihr, bildlich gesprochen, einen Arm um die Schultern und sagte: »Komm, ich stelle dir Martin
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