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Jahrestage 3 - aus dem Leben von Gesine Cresspahl

Jahrestage 3 - aus dem Leben von Gesine Cresspahl

Titel: Jahrestage 3 - aus dem Leben von Gesine Cresspahl Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Uwe Johnson
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ein paar Jahre lang seine Großmutter nicht besuchen dürfen. So hieß es. Mitunter hörte Frau Abs von jemandem sprechen, der hieß »uns’ Lisbeth«. Lisbeth könne dem Bürgermeister einen Weg weisen, Lisbeth liege nun bald sieben Jahre. »Uns’ Lisbeth« kam vor in Gesprächen vor den leeren Schaufenstern, in den Arbeitspausen auf dem Feld, Frau Abs hielt sie lange für eine Frau, die in Jerichow lebte, vielleicht krank. Jakob fand heraus, daß sie Cresspahls Frau gewesen war, seit dem November 1938 nur noch auf dem Friedhof zu besuchen. Sie sei in einem Feuer gestorben, vielleicht freiwillig. Der Mann kümmerte sich nicht um das Grab, Amalie Creutz hatte seit Anfang 1945 wenig daran tun können, der Hügel war fast verfallen. Sie nahm Cresspahls Kind mit und zeigte ihm, wie man solche Pflanzung neu anlegt und instand hält; der Mann sah beiseite, wenn das Kind nun mit der Kanne auf den Friedhof ging. Als Frau Abs aber einen Küchengarten hinter dem Haus baute, konnte er sich kaum lassen vor Überraschung, er bedankte sich geradezu. Er wußte, was ihr nach drei Monaten in Jerichow erzählt war über das Haus, den Tod seiner Frau und den Anhang Papenbrock; er lobte das Essen, sprach vom Wetter, fragte nach Jakob, wenn seine Geschäfte ihn denn nach Haus ließen. Und obendrein war er den Sowjets als Bürgermeister recht, nachdem er das Amt unter den Briten bekommen hatte, er hatte sich mit dem Militärkommandanten inzwischen gefährlich verhakt in brüllenden Streiten und gewitzter Schlichterei aus dem Handgelenk; er konnte auf Lohn nicht rechnen, nicht auf Dank, er würde es auf Jahre schwer haben mit der bösen Meinung, die Jerichow gegen ihn großzog. Dazu hatte er einmal etwas gesagt, das leuchtete Frau Abs ein. Einer müsse es doch machen. Das verstand sie. Einer muß es doch machen. Zu viel an ihm blieb nicht begreiflich.
    Sie wollte ihm die Unterkunft vergelten, sie hielt ihm das Haus in Ordnung. Er hatte mehr Obdachlose aufgenommen als er mußte und K. A. Pontij gewollt hatte, nun drängten sich auf dem Herd die Töpfe, Schalen, Kasserolen. Frau Abs war die streitsüchtige, versteckerische Wirtschaft zuwider, sie hatte das Führen von großen Küchen gelernt, und nach einer Weile bereitete sie das Essen für alle. Die Gäste in Cresspahls Haus, sogar die Lehrerin aus Marienwerder, fügten sich der großen hageren Frau, die so still blicken, so gleichmütig bestimmt sprechen konnte, sie hatte am Ende den Hausherrn im Rücken, auch war sie vor den meisten dagewesen. Dann wurde nicht mehr heimlich in den Kammern, auf dem Boden gegessen, sondern an dem großen Kacheltisch in der Küche. Es gab noch verborgene Lager von Korn oder Kartoffeln, es war doch eingeführt, daß jeder etwas zu den Mahlzeiten beisteuerte, und nach einer Weile konnten die umstrittenen Besitztümer offen neben einander in der Speisekammer liegen, hinter nicht verschlossener Tür. Wenn Jakob ankam mit seinem Arbeitslohn, durfte er den Kindern ein Ei, einen Apfel zustecken, das Stück Speck oder der Hase kam in den gemeinsamen Topf. Den eigenen Anteil, manchmal große Klumpen Fleisch, beschaffte Frau Abs, indem sie für den Herrn Stadtkommandanten und seine beiden Offiziere wusch. Es reichte nicht immer zum Sattsein,
    Fru Abs! Dor liggt ein Pierd an’n Bruchweg! Ein Pferd ist tot, Frau Abs.
    Wo lang liggt dat dor.
    Dat is hüt ierst falln.
    Wecke ein weit dat, Gesine.
    Ick allein. Öwe wi koen doch nich Pierd aetn!
    Du krist wat annert. Swichst du still?
    Ick swiech still as ein Boom.
    Denn giv mi dat Metz.
    die Kinder hätten lieber ein Schloß vor der Tür der Speisekammer gesehen. Aber der Streit im Haus wurde weniger, die Erwachsenen konnten mit Cresspahls Krüppelkommandos gehen und die Lebensmittelkarte verdienen, und die Lehrerin wußte obendrein ihren Säugling versorgt. Die Kinder lernten bei Frau Abs das eigene Zimmer sauberhalten, auch das von Cresspahl, und das Fensterputzen bekamen sie wenigstens gezeigt. Sie hätte für Gesine und Hanna gern Kleider genäht aus denen, die in Lisbeths Schlafzimmer hingen, sie fragte Cresspahl um Erlaubnis, am nächsten Morgen waren sie verschwunden. Jakob tauschte Fallschirmseide und Uniformstoff gegen die Muster, die Cresspahl nicht mehr sehen wollte, für fünf Tage kam auch eine Nähmaschine ins Haus, bis sie in Spirituosen verwandelt werden mußte. Es gab Arbeit in Cresspahls Haus, damit war Frau Abs zufrieden. Sie konnte den Kindern die Schrammen von den Weizen- und Rapsstoppeln

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