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Kardinal vor La Rochelle

Kardinal vor La Rochelle

Titel: Kardinal vor La Rochelle Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: R Merle
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einer machtvollen Flotte auszurüsten. Zur Stunde ist diese aber
     noch nicht stark genug, einen englischen Verband, der La Rochelle zu versorgen gedächte, auf offener See zu schlagen. Als
     Avantgarde jedoch vor unserem Deich und unterstützt von unseren Kanonen, könnte unsere Flotte den Eindringlingen den größten
     Schaden zufügen. Im übrigen läßt Herr von Bassompierre, wie Ihr wißt, derzeit bei Fort Louis einen neuen Hafen bauen, den
     Port Neuf. Man braucht die französische Flotte nur dorthin zu verlagern, und sie ist uns nahe genug, zur Verteidigung der
     Bucht herbeizueilen, sobald englische Schiffe im Bretonischen Pertuis auftauchen. Betrachtet den Deich also als eine unbewegliche
     Befestigung, Herr Graf, die ein bewegliches Element durch ihre Feuerkraft unterstützen und verstärken kann.«
    So geistvoll Monsieur Métezeau auch war, hätte diese Sprache aus seinem Mund mich doch überrascht, wenn ich darin nicht Richelieus
     Ausdrucksweise und Scharfsinn erkannt hätte. Und als Thiriot das Wort nahm, hatte seine Antwort denselben Tenor.
    »Herr Graf«, sagte er, »es gibt noch eine andere Antwort auf Eure Frage. Wenn kein schwerer Sturm kommt, ist der Deich in
     einem halben Jahr fertig. Sollten die Engländer vorher angreifen, nützt er wenig. Greifen die Engländer im Mai an, wird er
     von hohem Nutzen sein. Und der Herr Kardinal meint, die englische Regierung stecke in so schweren Geldnöten, daß sie eine
     große Flotte vor dem Frühling nicht aufbieten kann.«
    »Danke, meine Herren«, sagte ich. »Darf ich noch eine letzte, aber nicht weniger wichtige Frage stellen: Kann ein sehr starker
     Sturm den Deich, vollendet oder nicht vollendet, zerstören?«
    »Das Risiko müssen wir eingehen«, sagte Métezeau, »vor allem in den Wintermonaten, und Gott bitten, daß er unseren |126| Deich beschützt, weil nur der Deich dem König zum Sieg verhelfen kann.«
    Auf dem Rückweg in der Karosse erschien mir Schomberg noch unwirscher als zuvor. Lange verharrte er in Schweigen.
    »Wenn es nicht in Strömen regnet«, sagte er dann, »ist der König jeden Tag auf dem Deich. Er fragt nach allem, kennt sich
     besser als irgendwer aus. Manchmal packt er sogar bei den Maurern mit an und schichtet die schweren Steine. Da möchte ich
     bloß wissen, wozu er Euch heute mit diesem Auftrag betraut hat.«
    »Herr Marschall«, sagte ich lächelnd, im Gedanken an den armen Thiriot, »kritisiert Ihr den König?«
    »Um Himmels willen, nein«, sagte Schomberg, der trotz seines wettergegerbten Gesichts und seines dicken Schnurrbarts plötzlich
     aussah wie ein ertappter Schüler. »Ich bin ein Dummkopf, Seine Majestät, der König, weiß, was er tut.«
    Diese Ergebenheit des alten königlichen Dieners rührte mich, und nachdem ich ihn gestichelt hatte, goß ich ein wenig Balsam
     auf die Wunde.
    »Herr Marschall«, sagte ich, »meine Bemerkung war nur ein Scherz. Natürlich sorgt Ihr Euch um die Zukunft dieser Unternehmung,
     schließlich seid Ihr ein Pfeiler dieses Staates.«
    Der kleine Löffel Honig tat ihm wohl, und er sah mich so treuherzig an wie noch nie.
    »Mein Freund«, sagte er nach einer Weile zögernd, »über diesen verflixten Deich gäbe es so viel zu sagen! Dafür wie dagegen.
     Aber was haltet Ihr nun davon?«
    Ich hob die Augen zum ledernen Plafond der Kutsche, zuckte mit den Schultern, öffnete und schloß die Hände zum Zeichen meiner
     Ungewißheit, was Nicolas, der mir gegenüber saß, sehr amüsierte. Bei der so unvermittelten und naiven Frage des Marschalls
     hatte es in seinen Augen geblitzt, während sein übriges Gesicht aufmerksam und respektvoll war.
    »Was soll ich darauf antworten, Herr Marschall?« sagte ich. »Ich habe jetzt so viele Fakten und Einzelheiten im Kopf, die
     ich erst einmal sortieren und gründlich bedenken muß, bevor ich mir eine Meinung über den Deich erlauben kann, auf die Seine
     Majestät selbstverständlich das erste Anrecht hat. Doch sowie er sie kennt, werde ich sie Euch gewiß mitteilen.«
    Das war eine kleine Zurechtweisung, aber in so freundschaftlichem |127| Ton und so höflich vorgebracht, daß sie am Leder des Marschalls spurlos abglitt. Und in Coureille trennten wir uns als gute
     Freunde, nicht ohne erstickende Umarmungen seinerseits, auf die wir, Nicolas und ich, gerne verzichtet hätten. Wir waren froh,
     wieder auf unseren Pferden zu sitzen, auch wenn sie uns, anders als Schombergs Kutsche, nicht vor Unwetter und spritzendem
     Schlamm

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