Kennedy-Syndrom - Klausner, U: Kennedy-Syndrom
aufgepflanzte Sternenbanner und setzte sich. Links von ihm befanden sich drei Telefone, von denen ein weißes die Direktverbindung zum Weißen Haus herstellte, zu seiner Rechten mehrere Aktenstapel, welche die neuesten Geheimdossiers enthielten. Die gegenüberliegende Wand war von einer Weltkarte bedeckt, auf der die Flugroute einer unlängst getesteten russischen Interkontinentalrakete eingezeichnet war. Auf dem Tisch, der an einer der beiden Längswände stand, befanden sich alle möglichen Gegenstände, unter anderem Bücher, Tabaksdosen, das Modell eines Atom-U-Boots und ein ungerahmtes Farbfoto seines Bruders. Die gegenüberliegende Wand wiederum war einem grünledernen Schlafsessel mit hoher Fußstütze vorbehalten, auf dem sich der CIA-Chef von seinen Gichtanfällen oder seinem Hobby, dem Tennisspielen, auszuruhen pflegte.
»Na, was ist – herein!«
Der 25. des Monats war ein typischer Apriltag, nasskalt, windig und für die Jahreszeit viel zu kühl. Ein Tag, den Dulles am liebsten aus dem Gedächtnis gestrichen hätte, genauso wie die hinter ihm liegenden Wochen und Monate. Selten zuvor hatte er eine derartige Serie von Rückschlägen erlebt. Und wurde das Gefühl nicht los, dass sie noch lange nicht beendet war. Vorläufiger Höhepunkt: Mittwoch, 12. April 1961. An diesem Tag, einem der schwärzesten seines Lebens, hatte sein Land eine Schlappe einstecken müssen, an der es mit Sicherheit noch eine Weile zu kauen haben würde. Dulles seufzte gequält auf. Schlimmer hätte es für ihn und die USA wirklich nicht kommen können. Zuerst ein Satellit namens Sputnik, als Nächstes ein Köter namens Leika und dann, vor genau 13 Tagen, dieser Gagarin, den die Russen ins All geschossen hatten. Einfach so. Vor den Amerikanern. Der Abschuss einer U-2 8 über russischem Territorium, welcher ihm immer noch Kopfzerbrechen bereitete, nicht zu vergessen. Fazit: Erneut hatten die USA den Kürzeren gezogen, nicht zum ersten und vermutlich auch nicht zum letzten Mal.
Doch damit nicht genug. Abgesehen von dem Schlamassel in Vietnam, den der Präsident geflissentlich ignorierte, war es vor allem Castro gewesen, der Dulles zusehends Kopfzerbrechen bereitet hatte. So sehr, dass er einen großen, wenn nicht gar den größten Fehler seines Lebens gemacht und eine Operation abgesegnet hatte, von der er hätte wissen müssen, dass sie zu einem Fiasko werden würde. Dulles starrte geistesabwesend ins Leere. Kein Wunder, dass er langsam Gespenster sah und befürchtete, die Kette der Hiobsbotschaften, die ihn in letzter Zeit erreicht hatten, würde nicht mehr abreißen, schon gar nicht an einem Tag wie heute.
»Ach, sind sind’s, Luke.«
Der CIA-Chef sollte recht behalten. Allein das Gesicht, welches der Leiter der Abteilung für verdeckte Operationen beim Eintreten in sein Büro machte, bestätigte seinen Verdacht. Trotzdem oder gerade deswegen ließ er sich nichts anmerken, stopfte in aller Seelenruhe seine Pfeife und lehnte sich entspannt zurück. »Mein Gott, wie sehen Sie denn aus!«, ließ er im Anschluss daran mit wohl einstudierter Gelassenheit verlauten, nur zum Schein auf die fachmännische Handhabung des sündhaft teuren Stopfers aus Ebenholz konzentriert. »Irgendwas nicht in Ordnung?«
»Kann man wohl sagen.« Luciano Calabrese, 42-jähriger Spross italienischer Einwanderer und rechte Hand seines Chefs, ließ sich durch die aufgesetzte Lässigkeit und das unterkühlte Gebaren von Dulles nicht in die Irre führen und schloss die Tür. Er ließ sich Zeit damit, weniger, weil er sie im Übermaß besaß, sondern weil er nicht wusste, wie sein Vorgesetzter auf die Mitteilung, die er ihm zu überbringen hatte, reagieren würde. »Wenn das so weitergeht, können wir beide unseren Hut nehmen, Sir.«
»Tatsächlich?« Dulles horchte auf. »Dann schießen Sie mal los, Luke!«, forderte er den Leiter von DECOP auf, über dessen vielfältige Verbindungen die absonderlichsten Gerüchte kursierten. Mithilfe von Dulles, der stets seine schützende Hand über ihn hielt, hatte er es bis zum Abteilungsleiter gebracht, und es gab nicht wenige, die sich fragten, wie so etwas überhaupt möglich war. Calabrese neigte zur Fettleibigkeit, trug eine Hornbrille mit verstärkten Gläsern und bevorzugte altbackene und schlecht sitzende Anzüge, alles Dinge, die nicht gerade zu seiner Popularität beitrugen. Qualle, sein Spitzname, kam somit nicht von ungefähr, doch hütete man sich davor, ihn als willfährigen Lethargiker abzustempeln. Chief
Weitere Kostenlose Bücher