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Klemperer, Viktor

Klemperer, Viktor

Titel: Klemperer, Viktor Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Die Tagebücher
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Bericht darüber von * Hauptmann Titel, Sachbearbeiter für Grosskundgebungen im Propagandaministerium. Vor vielen Jahren hatte ich einmal einen Artikel in der New-Yorker Staatszeitung (oder so). 5 – Hier waren Farbband und Zeit abgelaufen. 8/5.
     

 
    12. Mai, Mittwoch.
    In dem amerikanischen Blatt also schlängelte sich mitten durch meinen Artikel der Länge nach eine Reklame für ein Abführmittel: []Dreissig Fuss Gedärm hat der Mensch[ e ]. Daran dachte ich bei den 120 km. Aufmarschstrasse.
    Ich komme erst heute dazu das zuende zu notieren, weil ich mich inzwischen in den * Wilbrandt verbiss. * Robert W. hat mir zwei Adressen aufgegeben, eine Zeitschrift in Los Angeles und eine in Wien. Die beiden Art[i]kel 6 nach dreissig Jahren 7 fielen mir schwer, aber sie sind recht gut ausgefallen und haben mir bewiesen, dass ich auch noch publizstisch einherkommen kann. Vielleicht verdienst du was dabei! Und wenn das Glück sehr gut ist, bekomme ich dadurch auch eine Anknüpfung zu gelegentlicher weiterer Journalistik. Jedenfalls habe ich anderthalb Wochen daran gesetzt. Nun will ich morgen in den * Fénelon zurücktauchen.
    Was uns im Augenblick am meisten beschäftigt, ist die Fahrt nach Berlin. * Grete hat wieder und wieder beschworen, zuletzt buchstäblich mit Citat aus dem Neuen Testament. Und zur Lebensversicherung hätten die vom Himmel gefallenen 170 Mark doch nicht gereicht. Also entschlossen wir uns. Erfreuliche Vorbereitung oder Ausrüstung dazu: für 13 M. kaufte ich eine ganz gemeine Hose und leichte Joppe, die den Sommer über Dienst tun sollen; für 15 M. hat mir * Wolf, der bessere Nachfolger des windigen * Michael, soeben den schändlichen Kotflügel geflickt und Eisenbänder an die zerfetzten Trittbrett-streifen gelegt.
    Unser Plan geht dahin, am Montag über Frankfurt nach Strausberg zu Grete zu fahren, am Dienstag mit ihr nach Landsberg. Mittwoch wollen wir dann bei * Marta sein, einen Ausflug mit ihr machen, Donn. etwas von Berlin sehen und zurückfahren. Leider bin ich seit Wochen durch irgendeine rätselhafte Zerrung od. Entzündung am rechten Arm behindert, die eher schlimmer als besser wird. Vielleicht weiss * Sussmann Rat. – Ich bin auf diese erste Reise (REISE, nicht Ausflug!) im Auto wie ein Kind gespannt; seit der Südamerikafahrt 1 habe ich keiner Reise so tagezählend entgegengesehen. Alles daran ist spannend, die Fahrt, das unbekannte Berlin, die Verwandten; alles kann eben so schön wie grässlich werden. Bestimmt wird es eine schwere Anstrengung, ist aber allmählich unvermeidlich geworden und muss nun durchgehalten werden.
    Wir machten in diesen Wochen zwei hübsche kleine Fahrten, eine nach Zinnwald bis unmittelbar an die czechische Grenze, eine nach Nossen; diese sollte eigentlich nach Kriebstein führen, aber die Sonne stand zu quälerisch: so unternahmen wir stattdessen einen richtigen Spaziergang, erst auf die Nossener Burg, dann in das Seitenthal, das zur neuen Autobahn führt. Wunderhübsch Wald und Hügel im Frühling.
    Seit Wochen unsere Abendlektüre der Ausgezeichnete Roman * Arundel.
    Auf Rädern besuchten uns * Agnes und ihr * Mann aus Piskowitz. Der ruhige Scholz politisch jetzt erbittert, behauptend, es koche in der katholischen Wendei. Seit Wochen wimmelt auch die Zeitung von Schmutzprozessen gegen Pfarrer; es scheint mir das Trommelfeuer vor einem Schlag gegen die kathol. Kirche. Beim Untergang des Zeppelin 2 hatte ich das traurige Gefühl: Arme Leute! aber alles was das Prestige DIESER Regierung schwächt, ist zu Deutschlands Wohl.
    Agnes erzählte[,] * Thiemes hätten sie im eigenen Auto besucht, er sei jetzt Oberingenieur und ganz grosses Tier, übrigens schon ergraut. Vielleicht hat er doch auf das falsche Pferd gesetzt; sein Abfall von mir ist mir eine der traurigsten Erscheinungen unter den vielen Bitterkeiten dieser Art. (Vergiss in deiner Vita nicht die Bequemen und nach beiden Seiten Vorsichtigen! den Biedermann * Spamer nicht, der uns besuchte und den Stürmer ein unwichtiges Skandalblättchen nannte, wie es solche immer gegeben habe, und der ein grosses Volkskundetier bei den Nazis ist und damit seine Wissenschaft verrät; der mir so unverhüllt von der Dummheit des Volkes sprach, dem man alles eintrichtern kann.)
     

 
    Freitag, 21. Mai.
    Fahrt nach Berlin, Strausberg, Landsberg a. W., 17.–20. Mai, Pfingstmontag–Do.
    Technisches und Gerippe: Im Ganzen 833 km., ca 105 l. Benzin, 2 l. Öl. Höchstgeschwindigkeit 80, häufig und anhaltend reichliche

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