Bücher online kostenlos Kostenlos Online Lesen
Klemperer, Viktor

Klemperer, Viktor

Titel: Klemperer, Viktor Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Die Tagebücher
Vom Netzwerk:
Fahrt seit sehr langer Zeit, und ich suchte meinen Stolz darin, sie eben nicht als grosse Tour, sondern als schlichte Nachmittagsfahrt zu behandeln. Sie glückte ausnehmend, irgendwelche kritische Momente gibt es natürlich immer (diesmal schrie der Bock auf der Rückfahrt, zuletzt beängstigend, war nachher glutheiss und hatte sein Wasser verbraucht, und auf der Hinfahrt wären wir in Bühlau um ein Haar in eine schwere Verknäulung mehrerer Wagen geraten), aber das sind würzende und dazugehörige Emotionen, und alles verlief sehr gut. Bis über Bühlau hinaus verstopfte Strassen, dann war freie Bahn, und ich konnte auf 70 und 80 km. gehen. Das blosse Hinjagen an sich ist ein Genuss, dazu Frühling, die wunderhübschen gleichmässigen Hügelreihen als Horizont-Querriegel, die freie Weite, Waldstücke – sehr schön. Landschaftlich das Bleibende: der Sonnenuntergang während der Rückfahrt; der Keulenberg mit seinen zwei Zipfeln vor einer breiten kitschigen und entzückenden Himbeerpfütze, der dunkelgoldne Sonnenball aus einer dunklen Wolke in eine dunkle Wolke gleitend, nur im Schlitz als Segment sichtbar. Die ganze Zeit über keine Blendung, Wolken nicht Regen. In Bautzen ist die Hauptsache der Blick von der Spreebrücke auf die von unten aufragenden runden alten Burgtürme, das Gemäuer, die Kirch[r]uine. Vor vielen Jahren – ein Eisenbahn-Tagesausflug – sind wir da herumgewandert, ich erinnere mich des Kirchhofs IN der zerfallenden Kirche; seitdem habe ich zweimal den flüchtigen Blick auf das Gesamtbild vom Wagen aus gehabt, einmal als ich mit dem * Minister Kaiser zum Jubiläum des Bautzener Gymnasiums fuhr, einmal, als wir voriges Jahr mit dem Bock von Oybin zurückkamen. Auch diesmal langte die [Z]eit nur zum vorübergleitenden Blick, aber vielleicht ist dieser flüchtige Gesamteindruck das Beste am Ganzen. Wir fuhren um ½ 6 durch ein Thor auf den Rathausplatz; dort ass * Eva im Wagen eine kleine mitgenommene Collazione, 2 dann erkundigten wir uns nach der Societät. Ein paar Minuten später trafen wir die * Anna mitten in ihrer Küche und Arbeit, und sehr schnell war alles erledigt. Die Rückfahrt in Dämmerung und Dunkelheit hinein, lange Zeit überaus rasch, zuletzt durch Dunkelheit und blendende Lichter etwas gestoppt und schwierig. Um acht am Bahnhof; die nährenden und billigen Schweinsrippchen mit Me[er]retti[ch]sauce und [K]lössen; zuhaus legte sich E. gleich hin, und ich las noch ein Stündchen vor. Im ganzen rund 125 km., genaue Entfernung von unserm Haus bis zum Rathaus Bautzen: 60 km. – Hätten wir nur das Geld zu ausgedehnteren Fahrten! Aber die Misere verstärkt sich von Tag zu Tag heilloser.
    Und damit bin ich wieder bei dem Elend der unausführbaren Berliner Fahrt. * Grete drängt in grossen, nicht ganz unberechtigten Tönen des Wer weiss, wie lange wir uns noch sehen können!, * Marta drängt nicht viel anders, beide müssen an Ungeschwisterlichkeit und mangelnden Willen glauben. –
    Der Messer zeigt jetzt 38 000, im Herbst waren es 37 000. Für diese tausend Kilometer haben wir Hundert e an Steuern und Reparaturen gezahlt und so viel Enge gelitten. Eigentlich eine Verrücktheit, und doch führen alle Erwägungen zum Beibehalten und Durchhalten. Es ist im vollsten Wortsinn tragikomisch.
    * * Gehrigs besuchten uns, sie gehen mit der Absicht um, hier draussen zu bauen. Er sagte, er schreibe jetzt an seinen Erinnerungen. Wie * Georg. Wahrscheinlich tut jeder dritte abgesetzte Professor zur Zeit dasselbe. Ich machte zwei divergierende Rückschlüsse auf mich selber. a) was Georg und nun gar was Gehrig kann, werde ich doch auch wohl zustande bringen, also wesshalb meine Angst vor der Vita? b) wo bleibt die Originalität meines Unternehmens? Übrigens werde ich ja wohl doch nie dazu kommen, denn immer wieder fesselt mich meine Arbeit, obwohl so gar keine Hoffnung auf Publikation mehr besteht.
    Im vorigen Jahr war ich erbittert gegen * Gusti Wieghardt, weil sie ein Buch aus meinem Seminar – so ist es also doch schon länger her – an einen communistischen * Freund weiterlieh und mich einen Feigling schalt, als ich heftig dagegen protestierte; in diesen Monaten habe ich ihr alles abgebeten. Das ist die * Lahontangeschichte, 1 die in den nächsten Tagen so oder so zum Ende kommt und dann eine zusammenhängende Seite erhält.
    Wer schreibt die jämmerlichste Alltagsmisere in seine Memoiren? Ich hatte wohl bis zu meinem vierzigsten Jahr immer wohlgeschnittenes Zeitungspapier auf dem

Weitere Kostenlose Bücher