Klemperer, Viktor
60, Durchschnitts-oder Reisegeschwindigkeit nicht über 40, am letzten Tag (lange Berlin- und lange Nachtfahrt) 30 km. – S[t]recke: Montag: Dr., Königsbrück, Hoyerswerda, Spremberg, Kottbus (gestreift), dicht vor Guben abgebogen, Sembten, Steinsdorf, Neuzelle, Frankfurt, Müncheberg, Strausberg. 260 km.
Dienstag: Str., Müncheberg, Küstrin, Landsberg. Gleicherweise zurück, aber nach hinter Müncheberg andere Strasse, über Lichtenow. 234 km.
Mittwoch. Strausberger See. – Nach Berlin, durch Berlin, Rüdersdorf, Kaulsdorf (35 km.), Frankfurter Allee, Alexanderplatz, Schloss, Linden, Charlottenburger Chaussee, herumgeirrt am Funkturm, der Brücke Halensee, dem Roseneck, schliesslich Kudowastr. Tagessumme 68 km.
Donnerstag. Wannsee und zurück (30 km.) – Kurfürstendamm, Yor[c]kstr., Bellealliance Flughafen – Königswusterhausen, Wendisch Buch[h]olz, Neulübben, Lübben au , Lübbenau, Vetschau, Kottbus, Spremberg, Hoyerswerda, Königsbrück, Dresden (Pragerstr) Dölzschen (241 km) 271 km.
Landschaft. Der lichte Frühlingswald bei Königsbrück herrlich. Aber das Land meiner Seele (wahrhaftig gefühlt und nicht literarisch oder intellektuell) die Mark mit Kiefern Heide, Sand, ganz kleinen Erhebungen; Niederungen mit weitem Blick, Flussläufe, möglichst breit mit grünen und gelbsandigen Inseln. Höhepunkte: Oderbrücke in Frankfurt, Wart[h]e- und Oderarme in Küstrin, Wart[h]e am Landsberger Gymnasium, Strausberger See, ein halbes Dutzend oder mehr märkischer Seen überhaupt, Strasse Berlin–Potsdam, Wannsee-Zipfel. Architektur: mächtige Kirche in Frankfurt, etliche Bauten hier im Ordensstil, Schloss Wusterhausen. Stärkste Impression: Berlin, immer wieder Berlin!
(22. V.) Am Montag morgen kam * Lange und brachte die reparierte Wagenuhr. Wir fuhren gegen 10 ab und nahmen ihn bis Klotzsche mit. Aufregender, zeitraubender Zwischenfall am Neustädter Bahnhof: ein Junge fuhr kreuzend gegen meinen Wagen und stürzte mit seinem Rad, er unverletzt, das Rad verbogen. Langes Verhör des Jungen und eines Zeugen auf der Bahnhofswache, der Junge war alleinschuldig, musste sein Rad reparieren lassen und eine Mark Strafe zahlen; ich schenkte ihm nachher fünfzig Pfennig. Endlich gegen elf kamen wir in Fahrt. Die [K]önigsbrücker Waldstrecke ist immer wieder herrlich, das Ausgreifenkönnen auf langen ebenen Geraden macht mir immer wieder Vergnügen. Für Kottbus war * E.s Mittag vorgesehen, die Strasse führte aber am Stadtrand vorbei. Dann also Guben – die Strasse bog aber vorher ab. Wir hielten endlich an einem richtigen Dorfgasthaus in Sembten. Mittagszeit vorbei, alle Räume leer, Radiomusik, gelegentlich ein Soldat oder ein Dorfjüngling. Es gebe noch Klösse, allenfalls ein bisschen Fleisch dazu. Es erschien ein Teller Suppe, ein riesiger Teller Kalbsbraten, eine Schüssel mit fünf Klössen, Compott und Glibber, und all das kostete eine Mark, und mein Kümmel kostete 30 Pf. Dann weiter nach Frankfurt. Grossstädtisch und elegant, mächtige Kirche, aber das Schönste die Oderbrücke. Wirklich ein breiter Strom (nicht bloss ein Fluss) prachtvoll mit den grünen und sandweissen Inseln. Wir hielten Kaffeerast auf der Terrasse eines ansehnlichen Hotels im Stadtcentrum, gingen ein wenig durch die Strassen, waren ein paar Minuten in der Marienkirche. Abfahrt nach Fünf – um diese Zeit wurden wir von * Grete schon erwartet. Die Gegend wurde märkischer. Müncheberg, endlich Strausberg. Ein langgestreckter Ort, dann Strasse zwischen Waldung, dann Vorort Strausberg II. Grete wohnt in einem Siedlerhäuschen, Moltkestraße 4, an der Schlagmühle, einer Haltestelle der Elektrischen zwischen Str. [I] und Str. II. Um ½ 8 dort.
Grete sehr gealtert (69 Jahre), schwer am Stock gehend, aber eigentlich doch sehr rüstig und agil. Wahrscheinlich wirklich sehr herzleidend und mit starkem Digitalisbedarf. Da sie aber ihr Lebenlang hysterisch affektiert ist so wird ihr er von Seiten * Sussmann- * Jelski wenig Glauben geschenkt. Es besteht gegenseitig sehr starke Feindschaft: [G]rete sagt Marta und * ihren * * Kindern viel Böses nach, fühlt sich aus dem Familienzusammenhang ausgeschlossen (man habe ihr nichts von * Wallys Erkrankung gesagt) usw, usw. Marta widerum (gemässigter auch der klassischere Zeuge Martin S.) nennen Grete herzlos, heuchlerisch, etc. Wir können und mögen uns nicht hineinmischen und lavierten tant bien que mal, ziemlich mal 1 zwischen den Eifersüchten und Erbitterungen. Grete, mit der wir vor
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